Wo dir kein Schwein hilft /

Wo dir kein Schwein hilft

Als mich Petra bat, doch ein paar Zeilen über das Einkaufen als Sehbehinderter zu schreiben, da fiel mir doch glatt wieder Udo Jürgens' alter Schlager vom Tante-Emma-Laden ein, und ich grinste in Gedanken. Der arme Udu müßte nämlich eigentlich längst verhungert sein; denn daran, daß Tante Emma inzwischen zugemacht hat, pensioniert oder vielleicht sogar schon gestorben ist, zweifle ich keinen Augenblick. Aber ich habe auch weder aus irgend einer Zeitung noch Rundfunk, Fernsehen oder Internet Kunde davon erhalten, daß Udo inzwischen Opfer seines Hungerstreiks geworden ist. Entweder hat sich inzwischen doch ein Schwein gefunden, das ihm beim Suchen hilft, und er weiß nun auch, was er kaufen will - er behauptete ja in seinem Schlager genau das Gegenteil - oder er ist inzwischen selber Manns genug dazu. Aber wie dem auch sei; Blinden und Sehbehinderten dürften viele von Udos Problemen sehr vertraut sein - und leider noch einige mehr.

Ich nehme also meinen Rucksack und gehe los. Rucksack ist sehr praktisch, da habe ich die Hände frei. Am Markt sieht zunächst alles noch ganz sehbehindertenfreundlich aus. Man muß schon sehr schlecht sehen oder gar blind sein, um die auf Schildern oder am Gebäude prangenden Namen und Logos der Marktketten zu übersehen. Aber es ist dennoch dringend geboten, seinen Blick zur Erde zu senken, denn vor den Eingang haben die Götter den Parkplatz gesetzt, und der ist äußerst wichtig! Eine Verkäuferin an der Kasse eines Marktes sagte mir einmal, daß sie die Straßensperrung, die die Zufahrt zum Parkplatz verhindert, deutlich am Ausbleiben vieler Kunden bemerke. Und gerade die Kunden mit Auto sind es, die einen guten Umsatz sichern. Einige benutzen ihr Auto als Lastesel und stopfen es bis unters Dach voll, andere kommen mit Kind und Kegel. Da fällt nicht nur der Frau noch einiges ein, das sie gebrauchen könnte, sondern auch den Kindern. Und viele von ihnen können ganz erbärmlich schreien und Theater machen, wenn sie etwas haben wollen. Also muß ich aufpassen, daß ich den Autos nicht im Wege bin. Eines hat mich einmal gleich neben dem Gestell für die Einkaufswagen mit seiner Schnauze angestupst wie ein Hund, der gestreichelt werden will.

Die nächste Hürde sind Werbeaufsteller und Fahrradständer. Beide sind gleichermaßen lästig, weil sie im Wege stehen. Doch während Aufsteller meistens groß sind und im Bedarfsfall auch so klug, einfach nachzugeben und umzufallen wenn man dagegen tritt, sind die heutzutage üblichen niedrigen Fahrradständer aus Stahlrohr richtig gefährlich, denn man kann sehr unsanft darüber stolpern und sich dabei erheblich verletzen. Die darin abgestellten Fahrräder stellen dagegen eher für Blinde eine Gefahr dar.

Aus der DDR kenne ich noch das Problem, daß viele Kunden ihren Einkaufswagen irgendwo stehen ließen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, daß sie damit nachfolgenden Kunden, besonders älteren Menschen und Behinderten, Probleme bereiten könnten. Da half auch keine Aufklärungsarbeit. Erst das Pfand auf den Einkaufswagen schaffte wirksame Abhilfe. Das Portemonaie ist wohl doch ein guter Lehrmeister.

Geschafft, ich bin drin! Aber was von draußen noch eine Hilfe beim Finden des Eingangs war, artet jetzt zur Belästigung aus - der Lärm. Er wird weniger von den Kunden verursacht als vielmehr von laut piepsenden und ratternden elektronischen Kassen sowie von den Maschinen der Bäcker und Fleischer. Das alles ist ja noch akzeptabel, weil für den Verkauf unerläßlich, aber die häufig anzutreffende Beschallung mit Musik und Werbung ist die reinste Folter. Ich halte es durchaus für möglich, daß Blinde dabei die Orientierung verlieren. Mir reicht eigentlich schon das nervtötende Gekläff der Hunde, die draußen vor dem Markt angebunden sind.

Aber auch den Augen wird viel geboten und abverlangt. Oft genug weiß ich erst nach mehrmaligem Besuch eines Marktes, wo welche Waren liegen. Und wenn ich das endlich weiß, dann kommt der Chef mit einer neuen Verkaufsstrategie, und der ganze Markt wird gründlich umgeräumt. "Ist's Wahnsinn auch, so hat es doch Methode!" läßt Shakespeare den Diener Polonius in "Hamlet" sagen. Und im Supermarkt besteht die Methode darin, die Kunden zum Suchen zu zwingen. Vielleicht finden und kaufen sie dann Waren, die sie sonst achtlos liegengelassen hätten. Auf Sehbehinderte und Blinde hat das jedenfalls die gleiche Wirkung, als hätte man den Markt noch einmal neu eröffnet. Da fällt mir wieder Udo Jürgens ein, der in seinem alten Schlager behauptete: "Beim Suchen hilft mir da kein Schwein!" Weisgott, ein Schwein im Markt, das fehlte gerade noch! Andererseits wäre das so abwegig nicht; bei der Drogenfahndung stellen sich Schweine nicht schlechter an als Hunde, auch wenn man sie landläufig für saudumm hält. Aber mal im Ernst: Ein, zwei Verkäuferinnen in großen Märkten, die im wesentlichen für die Kundenbetreuung zuständig sind, wären schon eine große Hilfe. Gelegentlich stolpere ich über einen Karton oder einen Palettenwagen, die meist ein deutliches Zeichen dafür sind, daß eine Verkäuferin damit beschäftigt ist, die Regale neu zu füllen. Und mit etwas Glück treffe ich sie auch an und kann sie um Hilfe bitten. Manchmal gibt es auch noch hilfsbereite Kinden. Dabei habe ich in Österreich bisher deutlich bessere Erfahrungen gemacht als in Deutschland.

Leider machen es einem die Hersteller der Waren nicht leicht, sie eindeutig zu erkennen, denn während der Firmenname riesig auf der Ware prangt, steht deren Bezeichnung nur allzuoft eher im Kleingedruckten - von einer Deklaration der Inhaltsstoffe oder der Gebrauchsanweisung ganz zu schweigen. Wer Waren nicht genau identifizieren kann, dem kann ich also nur raten, seine Lesebrille oder Lupe mitzunehmen, am besten eine kleine Leuchtlupe, um auch bei schlechten Lichtverhältlnissen gut lesen zu können. Und um die Preisschilder an den Regalen besser lesen zu können, empfehle ich eine sportliche Übung: Hock-Streck-Sprünge, denn die Schilder unter- und oberhalb der Augenhöhe sind oftmals anders leider nicht lesbar.

Sind alle Waren beisammen, dann gilt es, das Labyrinth der Regale in Richtung Kasse zu verlassen. Wenn ich den Markt nicht kenne, versuche ich, meinen Ohren oder dem Kundenstrom zu folgen, und das klappt eigentlich immer. Leider kann man an vielen Kassen nicht sehen, ob eine Verkäuferin da ist, weil sie vom Zigarettenregal verdeckt wird. Und auch wenn eine leere Kasse besetzt wird, merke ich das oft genug zu spät, um aus meiner Warteschlange auszuscheren und hinzugehen. Aber so lang, daß man das für einen erheblichen Nachteil halten muß, sind die Warteschlangen nun auch wieder nicht. Das Bezahlen bereitet mir keine Probleme. Die Scheine sind geordnet und für Kleingeld habe ich eine Box, in der einige Münzen nach ihrem Wert geordnet einsortiert werden können.

Bleibt mir nur noch, hinterher alles im Rucksack zu verstauen und mich auf den Heimweg zu machen. Vorsicht, Parkplatz! Sicherheit gibt es erst wieder auf dem nächsten Bürgersteig.

Falk Webel

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© 2003 by Falk Webel, Graz
Erstellt am Fr, 26.12.03, 10:37:00 Uhr.
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