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Pizza-Duft als Geländer
Wie eine sehbehinderte junge Frau ihren Alltag im Griff hat

Ihr Einkaufszettel ist einen Meter fünfzig lang und hat lauter kleine Punkte. "Babywärmflasche" steht in Blindenschrift auf dem Papierstreifen, "Kinderwagenmatratze" und: "Plüschtier". Im Moment ist das Plüschtier dran. Gabriele Sterns dunkle Augen irrlichtern über die Auslage des Babyausstattungsgeschäfts, ohne all die aufgereihten Niedlichkeiten wirklich wahrzunehmen. Aber ihre Finger haben längst entschieden: "Der Eisbär", sagt die junge Frau mit einem Lächeln, "der fühlt sich ganz toll an. Den kriegt mein Sohn zur Geburt."

Gabriele Stern zieht Blicke auf sich, wenn sie für ihr ungeborenes Kind einkaufen geht. Weißer Stock und Babybauch, da drehen sich die Passanten schon mal um. Die Dreißigjährige spürt diese Blicke mehr, als sie sie sieht: Sie ist stark sehbehindert. Ihr rechtes Auge hat noch bis zu fünf Prozent Sehvermögen, Farben kann sie damit unterscheiden und Formen.

Aber links, "links existiert einfach nichts", sagt die junge Frau. Weil sie zu früh geboren wurde und im Brutkasten zu viel Sauerstoff bekam, ist die Welt für sie ein verwirrender Taumel aus Geräuschen, Schemen und Gerüchen, die sie im Kopf jeden Tag aufs Neue ordnen und erinnern muss: "Ich halte die Welt im Kopf zusammen", sagt Gabriele Stern.

Das funktioniert manchmal sehr gut und manchmal sehr schlecht. Das Stachus-Untergeschoss etwa ist ein Ort, an dem sie oft verliert im Memory-Spiel, das sie mit sich selbst spielt. Eine sternförmige Anlage mit vielen Aufgängen, "da erwische ich immer eine falsche Rolltreppe", sagt Gabriele Stern trocken.

Einziger Anhaltspunkt, der den Weg zur Fußgängerzone weist: der Geruch. Die Wolke aus dem Duft von Pizza, Aufbackbrezen und Leberkäse fungiert als Geländer, an dem man sich entlang tasten kann. "Wenn ich mich trotzdem verlaufe, frage ich jemanden", erklärt sie. "Ich frage eigentlich dauernd jemanden."

Der Mund ist ihr wichtigstes Hilfsmittel. Kein Tag ohne Erkundigungen bei wildfremden Menschen. Wo bitte steht der Erdbeerjoghurt im Kühlregal? Welche U-Bahn fährt da gerade ein? Wo genau ist die Zeile im Formular, auf der man unterschreiben muss? Zwar können sehbehinderte Menschen auch ein so genanntes Monokular benutzen, ein kleines Fernglas. "Aber bis ich damit etwas entziffert habe, sind schon drei U-Bahnen vorbeigefahren", sagt Gabriele Stern und lacht.

Nur in ihrer Wohnung in Sendling, in der sie zusammen mit ihrem Freund lebt, bewegt sie sich frei. Hier ist die Welt so, wie sie sein soll: für sie geordnet. Der Laptop mit Braille-Zeile und Sprachprogramm liest ihr Mails vor, an der Küchenwaage kann man die Zahlenangaben ertasten, eine kleine Maschine ermöglicht es, den Einkaufszettel und andere Notizen in Blindenschrift zu schreiben. Dank ihrer Hilfsmittel hat es Gabriele Stern geschafft, eine Ausbildung zur Industriekauffrau zu absolvieren, Sozialarbeit zu studieren und bei BMW im Personalwesen zu arbeiten. Mühsam genug war das - und teuer: "Ich musste mir im Studium jedes Buch beim Blindenbund auf Kassette oder in Blindenschrift übertragen lassen."

Jetzt stellt sie sich einer neuen Herausforderung: ihrem Kind. Lange habe sie gebraucht, um sich zu der Entscheidung für ein Baby durchzuringen, sagt die junge Frau. Natürlich mache sie sich schon Gedanken darüber, wie sie es schaffen wird, noch mehr Welt im Kopf zusammenzuhalten und mit Baby und Blindenstock in München unterwegs zu sein. "Aber es wird klappen", sagt Gabriele Stern. "Ich freue mich schon."

Veronika Eckl
(Aus Merkur Online - München, Regionen, Nachrichten, München Stadt.)

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 9/10, September/Oktober 2004.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

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Erstellt am Fr, 18.11.05, 07:46:09 Uhr.
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