Traumreise /

Traumreise

Ich glaube, es war im Juni, dass Petra Raissakis mich gefragt hat, ob ich zum 10jährigen Jubiläum von Anderssehen.at einen Reisebericht schreiben könnte. Ich fühlte mich geschmeichelt. Aber woher sollte ich den Input nehmen, wenn ich doch dieses Jahr gar nicht nach Griechenland fliegen würde? Doch 1. Kommt es anders als man meistens 2. Denkt...

Im Juli war ich bei meinem Pianisten Martin Burike und seiner Frau Simona zum Essen eingeladen, und die beiden freuten sich auf ihren Kreta-Urlaub im September. Das taten sie so lange, bis ich nach ein paar Gläsern guten Weins mitten in der Nacht sagte: "Martin, schau bitte im Internet bei Air Berlin nach günstigen Flügen nach Cavalla." Und dann war die Entscheidung mit einem Klick getroffen. 274,- Euro hin und zurück und vier Wochen Samothraki-Septemberglück! Am nächsten Morgen erschien es mir wie ein Traum, dass ich trotz finanzieller Schwierigkeiten diesen Schritt in die Unvernunft gewagt hatte und meinem Herzen gefolgt bin. Wie sagte die Friseurin meiner Hündin Smokey so schön: "Flieg ruhig hin. Die Schulden hast du, wenn du nach Hause kommst, immer noch. Die laufen dir nicht davon." Stimmt! Und jetzt, wo ich nach dieser schönen, intensiven Zeit wieder zurück in Grevenbroich bin, habe ich Zuversicht und spüre, dass alles sich zum Guten wenden wird, sobald die Album-Produktion fertig ist.

Am 2. September um etwa 15.00 Uhr sollte es endlich los gehen. Am Flughafen gab es für mich noch ein bisschen typisch deutschen Stress. Eine Mitarbeiterin von Air Berlin war der Meinung, Smokey müsste einen Maulkorb tragen. Sie wollte den Führhundausweis sehen, der zu Hause in meiner Handtasche lag, weil ich ihn bisher noch nirgends gebraucht hatte. "Bin ich schon in Griechenland?" fragte ich mich. Solchen Stress kenne ich nur von den Bahnhöfen in Thessaloniki oder Alexandroupolis. In Griechenland darf man nämlich normalerweise nicht in öffentliche Verkehrsmittel einsteigen, wenn man einen Hund mit hat. Deshalb war es jedesmal für mich eine Zerreißprobe, wenn ich in den letzten Jahren nicht wusste, wie ich überhaupt auf meiner Lieblingsinsel ankommen würde.

Nach zwanzig Minuten hin und her fand sich jemand von der Fluggesellschaft, der das gleiche Wissen hatte wie ich: Blindenführhunde brauchen keinen Maulkorb im Flugzeug. So wurde ich dann auch zum Einchecken von einer Begleitung vom roten Kreuz oder einer ähnlichen Institution, zusammen mit einer Griechin im Rollstuhl, abgeholt. Wir checkten ein, und dann sollte uns ein Bus zum Flugzeug bringen, aber der kam und kam nicht. Und ich musste auch noch dringend zur Toilette. Die arme Frau im Rollstuhl hatte schon Angst, wir würden den Flug verpassen. Ich beruhigte sie, denn ich war sicher, dass die Kommunikation am Flughafen irgendwann auch funktionieren würde, und ich sollte recht behalten.

Menschen mit Handicap werden normalerweise als erste im Flugzeug empfangen, wir stiegen diesmal als letzte ein. Als das Flugzeug schließlich abhob, war ich erleichtert. Außer dass ich Smokey ein bisschen beruhigen musste, weil sie nicht gerne fliegt, war alles in Ordnung, und ich fühlte mich so frei wie schon lange nicht mehr. In Cavalla würde mich Eva abholen, mit mir ein Begrüßungsfläschchen Rezina trinken und mich zu sich nach Hause, nach Alexandroupolis, mitnehmen. Alles war gut. Ich setzte mir nach dem Start die Kopfhörer auf und hörte Musik, und ich konnte sogar ein bisschen schlafen.

Und plötzlich waren wir da. Es dauerte ein bisschen, bis mich eine sehr nette junge Griechin als letzte Passagierin vom Flugzeug abholte. Sie war unkompliziert und herzlich, und sofort fühlte ich mich aufgehoben, wogegen mir in Deutschland die Helfer oft mit ihrer plakativen Helferart den letzten Nerv rauben: "Vorsicht! Bitte Platz machen!" brüllen, damit im Weg stehende Passanten ausweichen. Das wirkt auf mich wie: "Achtung! Sensation kommt auf sie zu. Bitte glotzen Sie die Behinderten an!" Aber dieses junge Mädel hatte eine Natürlichkeit an sich, von der die Mitteleuropäer sich eine Scheibe abschneiden könnten.

Als wir raus kamen, stand Eva schon da, küsste mich und schleppte mit mir die Koffer zum Auto. Die Sonne schien, und ich entblätterte mich. Irgendwann während der Fahrt legten wir unsere obligatorische Rezinapause ein, und als wir bei Eva ankamen, gab's Gyros mit Pommes, und wir hatten einen sehr schönen Abend, tranken Rezina, sangen Chansons... und erst gegen 2.00 Uhr zog es uns in die Betten.

Eva ist für mich eine sehr bewundernswerte Frau. Sie kommt aus Hamburg und war mit einem Griechen verheiratet, der inzwischen verstorben ist. Mit ihren siebzig Jahren schafft sie vieles, was andere mit zwanzig nicht hinkriegen würden. Sie fährt jedes Jahr im Frühling mit dem eigenen Auto von Hamburg nach Alexandroupolis und im Herbst wieder zurück. Und dann macht sie sich auch noch die Mühe, mich vom Flughafen abzuholen, um mir den Hundetransportstress zu ersparen. Großartig, diese Frau.

Am nächsten Morgen frühstückten wir gemütlich, aber ich konnte vor Aufregung kaum was essen. In ein paar Stunden würde ich endlich in freier Natur auf meiner Insel sein. Oder war das immer noch ein Traum?

Wir kauften das Ticket und aktualisierten schnell noch meine griechische Simcard bei Kosmote What's up. Und dann ging's auch schon aufs Schiff. Wow!

Als ich am Oberdeck saß, dachte ich an die Fahrt vor einem Jahr, als ich meine Freundin Fani kennenlernte. Diesmal traf ich auch nette Menschen auf dem Schiff, aber ich war auch viel allein am Oberdeck. Das machte mir nichts aus. Fani lebt jetzt auf Samothraki, und immer wenn ich komme, weiß ich, hier habe ich eine meiner besten Freundinnen, die mir ein Gefühl von Sicherheit gibt, und dass ich willkommen bin.

Auf Samothraki angekommen, holte mich Sula, die im letzten Jahr im Campingcafe (Auch Kapsi genannt) war, ab. Sie wohnt nun in Alexandroupolis und musste nach meiner Ankunft leider auch gleich mit der Fähre zurück nach Hause. Ich setzte mich ins "Isalos", die Cafe Bar meiner Freundin Fani, wo ich auf die Taxifahrerin, Newi, wartete, und trank dort gemütlich meinen ersten Kaffee. Zwischendurch telefonierte ich mit meinem sehr guten Freund Giannis, besser bekannt als DJ Dracula, der mich mit anderen Freaks am Campingplatz erwartete. Wir küssten und herzten uns, als ich dort ankam, er stellte mir die anderen vor, und dann setzte er mich in unserem Wohnzimmer in der freien Natur an den Tisch und baute mit den anderen Jungs zwischen den Bäumen meine beiden Zelte auf. Der Campingplatz ist nicht so organisiert wie die meisten Menschen es gewohnt sind. Es ist ein Campingplatz im Wald, überall liegen Steine, viele Bäume stehen dort, und abends gibt's den Gesang von einem schrägen Vogel, dem Gionis. Er hat nur einen Ton, und wenn er seinen Bruder sucht, hört man sie beide, jeder in ihrem eigenen Ton antworten. Ich hab ihn irgendwann den "Autisten" genannt. Strom gibt's nur im Sommer im Campingcafe, aber man kann in den Tavernen und im "Isalos" seine Geräte aufladen. Warmwasser gibt's auf diesem Campingplatz nicht. Ich begnüge mich meistens damit, einfach nur ins Meer zu gehen, und ab und zu dusche ich schnell. So juckt auch meine Neurodermitis nach ein paar Tagen nicht mehr.

Während die Jungs meine Zelte aufbauten, hatte ich Zeit, mir all die neuen Namen einzuprägen: Haris, Elias, Dia, Athina und Pan. Angelos kannte ich noch vom letzten Jahr. Namen einprägen überdauert jedesmal die ganze Zeit, denn auf einer Insel wie Samothraki ist es ein ständiges Kommen und Gehen. Genauso ist das auch am Campingplatz am Esstisch oder am Strand. Als die Jungs mit dem Zelte aufbau fertig waren, erkundigte ich mich bei Giannis sofort nach den anderen Freunden aus dem letzten Jahr: Angelina, Maria, Frixos, George aus Rumänien, Christos und wie sie alle hießen. Einige waren im Sommer kurz da gewesen, andere hatten den Weg nach Samothraki in diesem Jahr aber auch leider nicht geschafft.

Als nächstes gingen wir zum Strand, und Giannis zeigte mir das Tipi, das er gebaut hatte. Ich legte mich sofort nackt in die Sonne, hörte dem Meer zu, und dann schlief ich beruhigt ein, bis die Sonne unterging und mir kalt wurde.

Auf dem Weg zurück zu meinem Zelt begegnete mir eine polnische Frau aus Deutschland, Magdalena. Sie war mit ihrer Freundin Dominika da. "Wenn du Hilfe brauchst, sag bescheid.", sagte sie. Später setzte ich mich zu den beiden Mädels ans Zelt, wo auch meine Freundin Susi und ihr Freund Babis saßen, die ich aus dem letzten Jahr kannte. Susi kommt aus der Gegend von Frankfurt und lebt nun schon seit neun Jahren mit Babis auf Samothraki - wie sehr ich sie jeden Winter darum beneide. -

Den ersten Abend verbrachte ich mit Susi, Magdalena, Dominika, Masimo und Angelos in der Therme oben in Therma. Das Schwefelwasser ist dort total heiß, und man darf nur kurz rein gehen, etwa drei Minuten, dann raus und später in den gleichen Abständen wieder rein. Sonst würde es ein Kreislaufflash geben. Ich hatte mir genau so ein entspanntes Bad für meinen ersten Abend gewünscht, und schon war es da. Später aßen wir noch zusammen in einer Taverne viel Gemüse und Salat und tranken Imiglikos.

Als ich am nächsten Morgen erwachte und das Meer rauschen hörte, war ich für Sekunden immer noch nicht sicher, ob es wirklich war. Ich empfand es als großes Geschenk, einen ganzen Monat auf meiner Insel verbringen zu dürfen. So erging es mir die ganze Zeit hindurch.

Es ist schwer für mich zu beschreiben, was wir alles wann, wie und wo gemacht haben. Aber die Menschen um mich herum waren mir die ganze Zeit hindurch sehr vertraut. Sie kochten für alle, wuschen meine Wäsche, halfen mir, mein Zelt in Ordnung zu halten, brachten mich zur Toilette, fütterten mit mir meine Hündin..., all das, und ich hatte in keiner Sekunde ein schlechtes Gewissen. In Mitteleuropa habe ich immer das Gefühl, ich muss mich rewanchieren, wenn andere für mich was tun. Dadurch hab ich oft das Empfinden, dass ich anderen nie so viel geben kann wie sie mir geben. Aber hier ist das anders. Hier geht alles Hand in Hand. Das genieße ich immer sehr. Es ist für mich aber auch erst seit letztem Jahr so, seit ich mehr Zeit mit Griechen als mit Mitteleuropäern verbringe. Aber auch die Mitteleuropäer, mit denen ich in diesem Jahr zusammen war, haben dieses Zusammengehörigkeitsgefühl schon übernommen.

Wir sind sehr oft am Lagerfeuer gesessen und haben zusammen Musik gemacht und gefeiert oder wir haben spontan gemeinsam etwas unternommen.

Ich liebe Samothraki sowohl im Sommer als auch im September. Aber im September besteht zu dem Vorteil, dass die Menschen noch überschaubar sind, der Nachteil, dass es auf der Insel wenige Autos gibt. Autostoppen fällt also im September so gut wie weg. Deshalb konnte ich in den ersten Wochen nicht zu meinem Lieblingsstrand, dem Kipos. Aber eines Nachmittags sagte Pedro auf Griechisch irgendwas und dann: "Kipos." "What?" fragte ich Giannis. "Kipos?" "Yes", antwortete er. "Two people go to Kipos. Do you want to go with them?" Klar wollte ich. Ich wollte mich umständlich zu meinem Zelt bewegen, um mich anzuziehen, weil ich nur mit einem Badetuch umwickelt war. "Nein, du kannst so bleiben.", antwortete Giannis. Und so saß ich innerhalb der nächsten Minuten eingehüllt im Badetuch mit meinem Rucksack, in dem sich zwei Flaschen Wasser, Sonnenmilch, mein Blindenstock, den ich nie brauchte, meine Geldbörse, mein Handy, mein Daisyplayer und meine Papiere befanden, im Auto zum Kipos. Die Jungs wollten einige Stunden bleiben. Während ich so am Strand saß, dachte ich: "Wenn die auf die Idee kommen, in eine Taverne gehen zu wollen, hab ich ein Problem. Ich kann mich ja schlecht mit dem Handtuch... Ich ging eine Runde schwimmen, und Smokey holte mich brav aus dem Wasser, was sie am Campingplatz nie tat, weil ihr dort wohl die Steine zu groß waren. Nun denn. Mein diesmal einziger Kiposbesuch wurde jäh beendet, weil die zwei Fischer kaum Fische fanden. So wollten sie schneller als erwartet zurück. Ich sammelte noch schnell ein paar von den schönen, schwarzen, glatten Steinen, steckte sie in den Rucksack und ging mit den Anderen mit Tränen in den Augen zum Auto zurück. Wie gern wär ich öfter hierher gekommen...

Eines Tages sagte Dia während eines gemeinsamen Gangs zur Toilette: "Nächste Woche werden wir alle nach Hause müssen." Damit meinte sie Pan, Giannis, Athina und sich selbst. Das machte mich traurig. Aber nicht nur das. Nun stand die Frage im Raum, wer von den anderen Campern dann noch da sein würde, denn ich konnte nicht alleine auf dem Campingplatz bleiben. Ich brauche jemanden, der mich ruft, wenn ich nach dem Schwimmen am Ufer zurück bin, ich kann nicht selber kochen, und die Wege zu den Tavernen sind zu Fuß lange. Zwar hab ich es mit Smokey schon allein bis Therma geschafft, aber das jeden Tag zu machen, wäre auch mühsam. Zuguterletzt stellte sich heraus, dass doch noch genug Leute nach der Abreise meiner Freunde da sein würden, und ich war erleichtert. Auch hatte ich die Option, nach Hora ins Haus von Efi zu ziehen, einer langjährigen Freundin von Giannis, die ich schon seit dem Jahr davor kenne. Wir besuchten sie, bevor Giannis die Insel verließ. Hora ist die Hauptstadt von Samothraki, die 300 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Efis Haus ist für mich als Blinde schwirig wegen der Orientierung, weil dort die Wege hügeliger sind. Also schminkte ich mir die Idee , ein paar Tage bei ihr zu verbringen, ganz schnell wieder ab.

Am Abend, nachdem wir Efi besucht hatten, gingen wir in Kamariotissa in eine Taverne essen, und dann hörte ich Athina sagen, dass wir ins "Isalos" gehen könnten. "I want also to go to "Isalos"", antwortete ich in die Runde. Endlich würde ich meine Freundin Fani wiedersehen. So lange schon hatte ich mich nach ihr gesehent. Wir hatten erst jetzt zwei Autos zur Verfügung, und Fani hatte keine Zeit, um mich zu besuchen oder vom Campingplatz abzuholen.

Wir setzten uns an einen großen Tisch, aber noch bevor wir das taten, hörte ich sie: "Hallo Andrea!" sagen. Wir umarmten einander, und es war zwischen uns wie früher - wie immer. - Und so wird es für uns immer sein, das wurde mir in diesen Sekunden intuitiv klar.

Nachdem alle meine anderen Freunde abgereist waren, schloss ich mich Johannes aus Wien, Hannes aus Stuttgart und Stephan, den ich auch aus dem letzten Jahr kannte, einem Griechischlehrer aus der Schweiz, an. Auf Giannis Platz waren dann auch noch neue Leute, die auch sehr nett waren, mit einem kleinen Hund namens Fatso (Bedeutung auf griechisch: Gesicht). Eleni kam öfter mit ihrem Hund Ermis zu uns, also hatte auch Smokey immer mal gute Parea (Gesellschaft).

Johannes hatte ein Auto, und von nun an konnte ich dank seiner Großzügigkeit, mich nach Kamariotissa zu bringen, wann immer ich es wollte, Fani ein paar Mal sehen. Wir konnten nicht viel miteinander reden, weil sie einfach zu viel zu tun hatte, aber das spielte keine Rolle. Es war mir wichtig, in ihrer Nähe zu sein.

Am letzten Sonntag vor unserer Heimreise ging am Campingplatz ein starker Wind, der sich im Zelt wie ein Erdbeben anfühlte. Ich liebe es, wenn der Wind mit den Zeltwänden spielt, wenn man hört und fühlt, wie der Stoff sich bewegt. Aber an dem Tag war das ein Abenteuer. Stühle fielen um, und eine Yogamatte schwebte in Johannes' Kopfhöhe an ihm vorbei. Irgendwann entschieden wir, ins "Isalos" zu fahren, weil es am Campingplatz regnen könnte. Dort verbrachten wir dann einen gemütlichen Nachmittag und Abend mit Kaffee und Cocktails.

In der folgenden Nacht erwachte ich gegen halb vier Uhr morgens, nachdem ich mich gegen 23.00 Uhr ins Zelt zurückgezogen hatte. Plötzlich war es schön warm draußen, und ich beschloss, an den Strand zu gehen und dort weiter zu schlafen. Ich nahm meinen Daisyplayer mit, um vielleicht auch noch schwimmen gehen zu können. Den stellte ich mir auf volle Lautstärke, um meine Position nach dem Zurückkommen ans Ufer wiederzufinden, weil niemand außer mir mehr wach war. Ich sang und schwamm und hörte Musik und genoss die Zeit für mich alleine, bis ich gegen 7.00 Uhr wieder einschlief. So gegen halb zehn erwachte ich und während ich meine ersten Gedanken zu Ende denken wollte: "Super! Die Sonne scheint! Ich geh gleich mal schwimmen", realisierte ich langsam, dass sich um mich herum eine Herde Ziegen oder Schafe befand. Erst gingen drei langsam von ihnen um mich herum, und als ich dachte, sie wären vorbei gegangen, wurden es immer mehr. Einige gingen gemächlich vor mir, andere hinter mir vorbei (einige mit, andere ohne Glocken), so dass ich förmlich von ihnen umkreist war. Nach etwa zehn Minuten war dieses erstaunliche Spektakel vorbei, und ich konnte schwimmen gehen. Später erzählten mir die anderen, dass es Schafe waren, die meine Gesellschaft gesucht hatten.

Bald war es auch für mich Zeit, Abschied zu nehmen. Diesmal musste ich glücklicherweise nicht alleine die Insel verlassen. Wir verbrachten den letzten Abend in einer Fischtaverne und danach im "Isalos" bei Fani, und sie und ich konnten noch ein bisschen miteinander reden. Babis und Susi kamen auch noch zu uns. Der Abschied von meinen einheimischen Freunden fiel mir sehr schwer, besonders der von meiner Freundin Fani. Ich schenkte ihr ein T-Shirt (ich hatte das gleiche T-Shirt von Vicki , meiner Nachbarin am Campingplatz, geschenkt gekriegt ,und nun schenkte sie es mir auch für Fani). Letztes Jahr trugen wir die gleichen Fußketten, und nun tragen wir das gleiche T-Shirt. So ein kleines Verbindungsstück als gemeinsames Souvenier war mir irgendwie wichtig. Wir versprachen einander, das Jahr hindurch ab und an zu telefonieren, umarmten und küssten uns und sagten einander, dass wir uns lieb haben, und dann musste ich mit Tränen in den Augen gehen.

An diesem Abend sagte Stephan: "Nein, diese Nacht wird es nicht regnen." Also entschieden wir uns, am Strand zu übernachten. Johannes hatte seinen Bus, aber Elias, Stephan, das Pärchen aus Schweden und ich legten uns an den Strand gegenüber der Polizeistation. Ich tat kein Auge zu, hörte ein letztes Mal dem Meer zu und spürte, wie es mir ein bisschen die Traurigkeit nahm und mich beruhigte. Immer wenn ich in Griechenland traurig bin, lege ich mich ans Meer und lasse mich von ihm streicheln. Irgendwann begann es dann aber doch zu regnen, und wir zogen uns in einen überdachten Vorraum einer Toilette zurück. Als wir unsere Schlafsäcke wieder ausgebreitet hatten, spürten wir den Regen in unseren Gesichtern. Das Dach hatte genau in unserer Kopfhöhe ein Loch. Veronica aus Schweden und ich mussten sehr lachen.

Um 8.00 Uhr morgens mussten wir dann auf die Fähre, ob wir wollten oder nicht. Keiner von uns wollte zurück nach Hause, jeder hatte Angst vorm Kulturschock. In Alexandroupolis trennten wir uns von unseren schwedischen Freunden, tranken mit Eva noch schnell einen Kaffee, und dann brachten mich Johannes, Stephan und Elias zum Flughafen nach Cavalla, wo wir leider nicht mehr zusammen essen gehen konnten, weil es dort nur einen kleinen Imbiss mit widerlichen Sandwiches gab. Schön, dass wir noch lange zusammen sein konnten, ehe ich einchecken musste. Übrigens checkte wieder die liebe junge Frau mit mir ein, die mich bei meiner Ankunft vom Flugzeug zum Ausgang gebracht hatte. Ich weinte, und sie tröstete mich: "Next year I see you again." Ich denke, sie wird recht behalten. Als das Flugzeug abhob, überkam es mich wieder. Ich hatte mir sicherheitshalber schon am Vortag eine Küchenrolle in den Rucksack gestopft, um genug Taschentücher zu haben. In Düsseldorf holten mich meine Freundin Uschi und ihre Tochter Kerstin vom Flughafen ab. Ich war sehr froh darüber, denn mit Abschiesschmerz im Gepäck den Zug nehmen zu müssen, wäre mir schwer gefallen.

Samothraki ist eine besondere, farbenfrohe, geruchsintensive Pracht voller Wasserfälle, voller Berge. Und die Natur schenkt einem alles, wenn man sie gut behandelt. Alles was man sich in der Stadt mühsam erkaufen muss, gibt's hier frisch: Gemüse, Fisch, Oregano, Salbei, Ziegenfleisch, Schafs- und Ziegenkäse... Ich hoffe, dass mein zweites Zuhause so bleibt und niemand eines Tages große Hotels an die Strände baut. Die Idee steht schon lange im Raum, aber die Natur zeigt uns, dass sie sich das nicht gefallen lassen will.

Inzwischen habe ich die Koffer und den kleinen Rucksack ausgepackt, meine Wäsche von den Spuren der Insel befreit, und selbst Smokey haben wir die Soveniers aus dem Wald vom Fell gewaschen. Das alles fühlt sich auch jedesmal an wie ein letztes Stück Abschied. Meine fünf neuen Steine vom Kipos liegen am Fensterbrett, und die aus den letzten Jahren hole ich mir in den nächsten Tagen aus dem Umzugskarton, um die Flächen damit zu schmücken, und so träume ich mich glücklich und traurig in meine Lieblingswelt zurück.

Air Berlin bietet schon jetzt Flüge für 2011 an, und sobald ich weiß, wie lange ich nächstes Jahr verreisen kann, werde ich buchen. Dieser Gedanke rettet mich vor der nächsten Winterdepression.

Vielleicht treffe ich ja einige von Euch im nächsten Jahr auf Samothraki. Dann wüsste ich, dass ich Euch mein Gefühl zu meinem zweiten Zuhause durch diesen Bericht ein Stück nähergebracht habe.

Andrea Eberl

Twittern

© 2010 by Andrea Eberl
Erstellt am Do, 21.10.10, 13:46:09 Uhr.
URL: http://