Rund oder eckig /

Rund oder eckig, wie hätten Sie's denn gern???

Ein Geratter vor dem Fenster weckt mich. Verschlafen befrage ich meine sprechende Uhr. Es ist halb Fünf Uhr Morgens. Das Geräusch vor dem Fenster identifiziere ich unverkennbar als Schneepflug. Oh Freude, es schneit also wieder. Und das nicht wenig, denn bei leichtem Schneefall bleibt der Schneepflug zu Hause. Als ob wir nicht schon genug von dieser weißen Pracht hätten!

Bild: Winterliche Pracht am Morgen

Eineinhalb Stunden später wage ich mich hinaus in das Chaos. Bereits der Stiegenabgang nach der Haustür ist gefährlich rutschig. Unten angekommen begegnet mir der schneeschaufelnde Hausbesorger. Und schon nach wenigen Schritten lande ich im ersten aufgetürmten Schneehaufen und muss suchen, wo es weitergeht.

Der Boden ist unter der Schneedecke kaum zu spüren und wichtige Anhaltspunkte gehen somit verloren. Manche Hausbesitzer haben bereits ordentlich freigeschaufelt, andere streuten bloß Salz, und der Schnee wird zu einem rutschigen Matsch.

Die Autos schleichen auf leisen Sohlen dahin, sodass ich sie erst im allerletzten Moment wahrnehme. Bei jeder Straßenüberquerung muss ich mir erst einmal die freigeschaufelte Stelle suchen, um überqueren zu können. Es liegt so viel Schnee, dass die Gehsteigkanten kaum zu erkennen sind. Teilweise bin ich nicht sicher, ob ich mich auf der Fahrbahn oder dem Gehsteig befinde. Zum Glück sind die meisten Autofahrer noch mit Eiskratzen oder Freischaufeln beschäftigt. Und es sind nur wenige Fahrzeuge unterwegs. Da kann man sich schon mal einen Spaziergang mitten auf der Fahrbahn leisten.

Bild: Das Gesicht stößt an eine Schneestange Rums, da knallt mir wieder einmal so eine wunderbare Schneestange ins Gesicht. Da kommt Freude auf. Zum Unterschied von gestern, wo mir ein Nagel ins Gesicht stach, der sich in der Latte befand, komme ich heute mit Nasenbluten davon. Manchmal knallen mir diese Dinger auch nur recht unsanft gegen die Schulter und fallen dann vor mir zu Boden. Diese Latten, oder was auch immer die Hausbesitzer gerade finden, lehnen schräg an Hauswänden und sollen vor Dachlawinen warnen. Meist sind sie mit Nägeln, scharfen Kanten oder Sonstigem versehen. Sich ihren Standort einzuprägen, bringt nichts, da sie jeden Tag woanders stehen, weil nicht nur Nichtsehende mit ihnen Bekanntschaft machen. Mit dem weißen Stock registriere ich sie zumeist nicht, denn sie lehnen zu schräg an der Wand und der Stock pendelt an ihnen vorbei, während ich dagegenknalle. Auch wenn ich sehr langsam gehe, ist ein Zusammenstoß immer noch unangenehm genug.

Vor einigen Jahren gab es eine Diskussion über diese Schneestangen. Einige blinde Menschen regten ernsthaft an, die Hausbesitzer darum zu bitten, nur noch runde Stangen aufzustellen. Mir ist es ziemlich egal, ob meinen Schädel eine runde oder eckige Beule ziert. Weh tun beide und den halben Tag einen brummenden Kopf zu haben oder meine Nase zu beleidigen, sodass sie noch etwas schiefer wird, ist auch nicht gerade meins. Die Stangen gefährden nicht nur Nichtsehende. Sie sind allen im Weg. Rollstuhlfahrer und Mütter mit Kinderwägen müssen auf die Straße ausweichen und sind da noch größerer Gefahr ausgesetzt. Beim Umfallen können die Stangen Schäden an parkenden Autos verursachen. Sie blockieren nur den Gehsteig. Besser wäre es, die Dächer zu räumen, um der Gefahr von oben vorzubeugen oder Schneefänger anzubringen. Schilder aufzustellen wäre auch noch angenehmer als diese wunderbaren Schneestangen.

Bild: Schneestangen in der Stempfergasse in Graz

Petra Raissakis

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© 2000 by Petra Raissakis, Graz
Erstellt am Fr, 22.12.00, 08:01:19 Uhr.
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