Wer oder was ist Lorm/en /

WER ODER WAS IST LORM/EN?

Stellen Sie sich vor, Sie verlieren von einem Tag auf den anderen Ihr Gehör - sind nach zwei Tagen taub. Gleichzeitig lässt Ihre Sehfähigkeit ganz schnell nach - bis hin zur Blindheit. Sie werden also taubblind! Wie ertragen Sie ein solches Schicksal, wie reagieren Sie darauf? Ein Beispiel für die Bewältigung eines solchen Schicksals mag die nachstehende Kurzbiographie sein!

Heinrich Landesmann wurde 1821 in Mähren geboren und wuchs in einem wohlhabenden Elternhaus in Wien sehr behütet auf. Seine schwache Gesundheit machte seinen Eltern von Geburt an Sorgen. Dennoch konnte er zunächst eine normale Schule besuchen, später wurde er durch Privatunterricht besonders gefördert. Sein Elternhaus war offen für Künstler und Schriftsteller - Kontakte, die den jungen Heinrich stark beeinflussten.

Es zeigte sich, dass er hochmusikalisch war. Folglich wurde er von den besten Lehrern der damaligen Zeit unterrichtet; die Lehrer waren begeistert von seinem musikalischen Verständnis. In dieser für den 16jährigen Jungen so kreativen Phase, die schon seinen weiteren Lebensweg vorzuzeichnen schien, verlor er innerhalb von zwei Tagen sein Gehör. Er war plötzlich ohne Vorwarnung und ohne äußeren Einfluss taub geworden. Welch ein Schlag für einen jungen Menschen, dessen Fähigkeiten ausgerechnet in der Musik lagen! Dazu kam, dass er gleichzeitig erkennen musste, dass seine Sehfähigkeit deutlich nachließ.

Es blieb nicht aus, dass er in eine tiefe Resignation verfiel - ja sogar sehr pessimistisch in die Zukunft blickte. Die Resignation dauerte nicht allzu lange, und er fand die Kraft, sich seiner Fähigkeiten zu besinnen: Er wurde Schriftsteller und Philosoph, der sich in sehr vielfältiger Form äußerte - sei es in Romanform, Lyrik, Aufsätzen in der Presse, Briefen usw. In seinen Schriften prangerte er die strenge Pressezensur in Österreich an, die von Metternich veranlasst worden war. Um sich und vor allem seine Familie zu schützen, schrieb er unter dem Pseudonym Hieronymus Lorm. Mit 35 Jahren ging er eine Ehe ein, die zeitlebens sehr glücklich gewesen ist, und der drei Kinder entstammten. Seine Frau unterstützte ihn in jeder Weise. Später bekam sie sehr aktive Hilfe durch eine der Töchter, so dass Lorm in seiner Schaffenskraft kaum noch behindert schien. Zu dieser Zeit erfand er ein Tastalphabet aus Punkten und Strichen, mit dessen Hilfe seine Mitmenschen mit ihm kommunizieren konnten. Es war einfach erlernbar, so dass seine Familie, Freunde und auch Schriftsteller sich gut mit ihm verständigen konnten. Dieses Tastalphabet bezeichnet man als Lormen.

Seine höchste Schaffenskraft entwickelte Lorm während seiner Zeit in Dresden, wo er 21 Jahre lebte. Von seinen vielen philosophischen Werken soll eines besonders hier erwähnt werden: "Der grundlose Optimusmus." Er schrieb es nach seiner völligen Erblindung. Er begründete darin seine Ansicht, dass jedes natürliche Wesen - also auch der Mensch - mit einem erheblichen Maß an Optimismus ausgestattet sei, der als Eigenschaft vorhanden sei und nicht erlernt werden müsse.

Wer an dem Usher-Seminar 2000 in Bad Meinberg teilnehmen konnte, wird sich bei diesem Thema an die beiden Vorträge von Manfred Knoke erinnert fühlen. Knoke schloss nicht aus, dass als Eigenschaft Optimismus vorhanden sein könne, aber er sagte auch klar, dass Optimismus erlernbar wäre! Durch Training der positiven Lebenskräfte sei nach Resignation wieder eigenverantwortliches Handeln möglich. Die Übernahme von Eigenverantwortung sei hierbei die Voraussetzung für existentielles Leben und ein Schlüssel zum Glück. Wie immer man zum Optimismus finden mag, das Schicksal von Lorm zeigt deutlich, dass der Mensch nach schweren Schicksalsschlägen auf den Optimismus angewiesen ist. Er kann ihn aus eigener Kraft finden - ja, er muss ihn finden! Als Lorm geboren wurde, war er so schwach, dass man ihm nur 80 Stunden Lebenszeit zutraute - er wurde 81 Jahre alt und hatte die Kraft gefunden, ein inhaltsreiches Leben zu führen.

Wilhelm von Knebel Doeberitz

Aus: Retina aktuell 4/2000-78

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Aus: "Odilien-Institut im Blickpunkt", Folge 48/Juni 2001

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Erstellt am Mo, 09.07.01, 08:10:21 Uhr.
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