Reiten - ein Hobby? /

Reiten - ein Hobby für Sehbehinderte?

Zum "Erlebnispädagogischen Tag" für Mitarbeiter der Sehbehindertenschule in Waldkirch war ich als Referentin für den Bereich "Pferde" eingeladen worden. Da ich selbst sehbehindert bin, von Beruf Reittherapeutin und Kursleiterin in der Zusatzausbildung für Reittherapeuten, nahm ich diese Gelegenheit gerne wahr, Kenntnisse aus beiden Blickwinkeln weiterzugeben. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurde mir auch die Frage gestellt, ob das Reiten als Hobby für Sehbehinderte geeignet sei. Spontan verneinte ich, um mir nun, anhand dieses Artikels genauer darüber klar zu werden.

In meinem Sprachgebrauch und auch in meinem Leben dienen Hobbys meiner Freude, Erfüllung und Entspannung. Zusätzlich ist es mir aufgrund der Behinderung wichtig, dieses Hobby möglichst unabhängig von Helfern ausüben zu können, um Lust und Laune nachzugeben, statt wieder Organisation und Terminzwang. Mein Wunsch ist es auch, mein Hobby möge mich entspannen und arm sein an Anstrengung, die durch schlechtes Sehen entsteht.

Die Bedürfnisse der Pferde an Reiter sind die gleichen, die es an ein Leittier stellen würde. Es sucht nach einem vertrauenswürdigen Anführer, der es vor Gefahren bewahrt. Pferde kommunizieren viel mit Körpersprache, brauchen also Partner, die diese senden und empfangen können, um gefährliche Missverständnisse zu reduzieren. Als Steppentier, dessen einzige Waffe die Flucht ist, behält es die Umgebung weithin im Auge und erwartet das auch von seinem Reiter. Schon dieser Interessenvergleich zeigt, dass die beiderseitigen Bedürfnisse sich nicht gut ergänzen.

Es gibt durchaus sehbehinderte Reiter und Reiterinnen, die von den Pferden und dieser Betätigung profitieren und Freude haben. Sieht man genauer hin, sind es andere Formen des Reitens als die, die ich mit Hobby bezeichne. Bei einigen ist es so, dass sie die Notwendigkeit der Helfer (mit Planung und Termin) in Kauf nehmen - das tue auch ich, wenn ich einen Wanderritt unternehme oder eine Veranstaltung besuche.

Manchmal ist es so, dass die Betreffenden ihre Behinderung negieren, ihre Grenzen überschreiten und ein zu hohes Risiko eingehen. Das Pferd wird in dieser Art der Zusammenarbeit überfordert, wozu wir Menschen kein Recht haben.

Es gibt allerdings auch die Möglichkeit das Reiten als Sport in der Freizeit zu betreiben. Geschützt in Halle oder Reitbahn vollbringen hier die Sehbehinderten große Leistungen und finden darin Befriedigung. Das Pferd jedoch braucht seine Entspannung und Ausgleich bei anderen Pferden oder sehenden Menschen. Ich selbst finde meine Befriedigung durch erbrachte Leistung genug im Beruf oder in der Tätigkeit für und mit meiner Familie, sodass ich ein Leistungshobby nicht als Gegengewicht erlebe.

Mein Beruf mit Pferden bedeutet für mich ein ständiges Training meiner Fertigkeiten in der Körpersprache und die Zusammenarbeit mit Schülern oder Helfern dort, wo das Sehen nicht reicht. Auch die Rahmenbedingungen hier (Gruppengröße bis maximal drei Teilnehmer, vertraute Wege, vertraute Pferde) orientieren sich an meinen Grenzen und nicht denen der Schüler. Im Beruf ist solche Belastung akzeptabel, doch nicht in der Freizeit. Da will ich entspannen und erholen, nicht trainieren und üben an dem, was eben nur schwer geht.

Wenn Pferde wirklich ein Hobby für Sehbehinderte sein sollen, so sehe ich hier eher die Formen wie Wandern mit dem Pferd, indem man neben dem Pferd geht, welches geführt wird. Auch das Reiten auf dem geführten Pferd oder dem Handpferd entspannt uns körperlich und seelisch. Das Verarbeiten von Reizen ist auf dem Pferd viel bequemer, da wir uns nicht jede Umweltinformation auch noch erarbeiten müssen. Landschaft ist auf dem Pferd in stärkerem Maße zu erfassen, zumindest in den raschen Gangarten und das sichere Fortbewegen über Stock und Stein ein Genuss. Diesen Gesichtspunkt des Seminartages in Waldkirch fand ich es wert, mehr Menschen mit Sehbehinderungen durch den Visus zugänglich zu machen. Zu bedenken ist noch, dass manche Augenerkrankungen eine Kontraindikation zum Reiten sind.

Doris Rußig
Reittherapeutin

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© 2004 by Doris Rußig
Erstellt am Fr, 23.01.04, 11:30:00 Uhr.
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