Tagebuch-Übersicht / Jamie Teil 4 /

Jamie
Aus dem Tagebuch eines angehenden Blindenhundes

"Ach, das ist ja der Jamie, ich hab mich schon gefragt, mit welchem Schmutzfink Bessie da spielt." Manchmal geht mir die ältere, blonde, lebhafte Frau auf die Nerven und ich bin froh, dass sie nicht mein Mensch ist. Es ist keine Zeit mehr, sich über die Kränkung aufzuregen, schon ruft uns die Hundetrainerin zu sich. Nachdem wir alle eine halbe Stunde lang ausgelassen getobt haben, beginnt der ernste Teil der Kursstunde in der Hundeschule. Wir müssen auf Kommando "bei Fuß" gehen, uns hinsetzen, hinlegen und andere Albernheiten, die der Befriedigung des menschlichen Ehrgeizes dienen. Wenn dieser sehr ausgeprägt ist gipfeln diese Aktivitäten mit Beteiligung an entsprechenden Prüfungen. Da ich sowieso Blindenführhund werde, will Simone Letzteres nicht, aber sie sagt, es ist für jeden Hund wichtig, einige Grundbegriffe zu befolgen. Z.B. darf man dann immer frei herum laufen, wenn man bei Rufen seines Menschen hinkommt, um zu prüfen, was er von einem will. Oder man braucht auch nicht zu Hause hocken, wenn die Menschen beim Heurigen Bratlfett und Rotwein genießen, weil man das Kommando "Platz" beherrscht und artig neben dem Tisch liegt. Damit Marusa und ich keine Langeweile dabei kriegen, bekommen wir zu solchen Anlässen Schweineohren, Kauknochen oder so was kredenzt. Oft sind die Kellnerinnen so nett und bringen uns auch was zu trinken. Allerdings fragen sie nie, welche Wein- oder Biersorte wir wollen, sondern servieren uns immer nur Wasser.

Simone geht mit mir in die Hundeschule auch wegen der "Sozialisierung", wie sie es nennt. Ich hatte mich noch keine 24 Stunden eingelebt damals als kleiner Wicht, da wurde ich bereits in einen Rucksack gestopft, aus dem nur mein Kopf rausstreckte und mit dem Fahrrad in die Welpenspielstunde gefahren. Dort lernte ich den Deutsch-Kurzhaar-Rüden Pad und die Golden Retriever Hündin Bessie kennen. Sie sind beide genauso alt wie ich und wir spielen und raufen also seither gemeinsam (inzwischen haben sich noch mindestens 20 andere Hunde dazugesellt) über den Hundeplatz. Seit dem Herbst lernen wir außerdem die schon angesprochenen Dinge. Zu den weiteren lebenswichtigen Dingen die Simone mir beibrachte, zählt das Bringen der Zeitung von draußen in die Küche am Morgen. Nur mit dem Briefkasten aufschließen habe ich noch Schwierigkeiten. Oder das Kommando "tot". Dabei muß ich mich flach auf den Boden legen und mich an allen Körperteilen (auch in den Ohren und zwischen den Zehen) von Simone, die hierzu ihre Tierarzt- Mine aufsetzt, inspizieren lassen. Wenn sie befiehlt "Aah" heißt das, ich soll gähnen. Was auch immer sie anschließend immer in meinem Maul sucht, sie hat es noch nie gefunden.

Aber zurück zur Hundeschule. Hin und wieder werden auch anstrengende Unternehmungen organisiert. So wanderten wir im Oktober in einem Pulk von ca. 25 bis 30 Hunden auf den Anninger. Das war ein Getobe. Ich lernte da eine ebenfalls blonde Labradorhündin kennen, die schon 2 Monate älter war als ich. Wir spielten fast die ganze Strecke über zusammen.

Oben mussten die Menschen in der Jausenstation eine längere Trink- und Esstirade einlegen, während wir Hunde Vorzüge und schlechte Seiten unserer Besitzer abwägten.

Letzte Woche gab es eine Nachtübung, die dem Namen entsprechend, abends im Dunkeln stattfand. Die Hundetrainer hatten einige Hinterhalte auf einer Strecke von ca. 2 km gelegt, um die Schreckhaftigkeit von Hundebesitzern zu überprüfen. Da jeder einzeln gehen mußte bestanden berechtigte Befürchtungen, dass einige vor Angst in Ohnmacht fallen könnten. Deshalb durfte jeder seinen Hund mitnehmen. Simone schlug sich sehr wacker als jemand aus dem Dunkeln einen Schuß abgab, eine Frau einen Besoffenen mimend einherkam und jemand mit einem Rollstuhl aus der Dunkelheit auftauchte. Nur als urplötzlich ein weiß leuchtendes Gerippe mit Totenkopf klagend-tönend aus dem Unterholz rauschte, traute sie sich nicht weiter zu gehen. Ich konnte ihr leider nicht helfen, da mein kleines Hundeherz mir bis in die Kniekehlen rutschte. Dann aber wurde das Laken runter gezogen und die grinsende Astrid kam zum Vorschein. "Na komm mein Süßer, hier ist ein Leckerli, das willst du doch bestimmt, ein Labi lehnt doch kein Essen ab!" Da hat sie allerdings recht. Wo wir gerade vom Essen reden, ich fühl schon wieder so eine Leere in meinem Magen. Ich werd mal fix zu Simone laufen und fragen, wie's mit Abendbrot steht. Euch wünsch ich bis zum nächsten Mal eine schrecklose Zeit.

Euer Jamie

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© 2003 by Simone
Erstellt am Do, 04.12.03, 17:20:19 Uhr.
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