Die Pünktchen und eine Späterblindete /

Die Pünktchen und eine Späterblindete

Was sollte ich ohne meine erst so sehr gehassten, später dann liebgewonnenen Pünktchen anfangen? Mit 55 Jahren bin ich erblindet. Plötzlich ist alles dunkel. Was bisher war, zählt nicht mehr. Ein neues Leben unter anderen Vorbedingungen zu erarbeiten, bedeutet einen unglaublichen Einsatz von Kraft, Energie und ein hohes Maß am eigenen Willen. Damals, in Blankenburg, wurden wir vier Diabetiker gesondert in Punktschrift unterrichtet. Sie, als Diabetiker, sind sowieso nicht geeignet die Punktschrift zu lesen. Mit diesen Worten wurden wir motiviert. Doch da trat mein Ehrgeiz und mein Trotzkopf zum ersten Mal in Erscheinung. So erlernte ich die Blindenvollschrift. Schon das war eine Plackerei. Doch bald merkte ich, dass alle Zeitschriften und die meisten Bücher in Kurzschrift gedruckt sind. Also noch einmal einen Kursus und die Kurzschrift pauken. Oft der Verzweiflung nahe, musste ich immer wieder mit meinem inneren Schweinehund kämpfen. Mehr als einmal wollte ich die Lehrbücher in die äußerste Ecke schmeißen. Doch irgendwann war es dann geschafft, ich konnte wieder lesen. Fontanes "Wanderung durch die Mark" las ich als erstes Punktschriftwerk. Meine Glücksgefühle kann ich kaum beschreiben. Eine ganz neue Welt eröffnete sich, ich war der Selbstständigkeit ein Stück näher gekommen. Inzwischen lese ich viele Bücher und Zeitschriften in Braille-Schrift. Leise lesen fällt mir nicht schwer, doch soll ich laut meine selbst geschriebenen Texte lesen, geht es nur sehr stockend. Wahrscheinlich macht Übung auch da den Meister.

Christa Judis

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 1, Jänner 2001.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

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Erstellt am Do, 22.02.01, 08:01:19 Uhr.
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