Das Kaffeehaus ums Eck /

Das Kaffeehaus ums Eck

Viel zu spät aufgestanden, trete ich, nachdem ich die Sendung "Menschenbilder" auf Ö1 zuende gehört habe, gegen 15.00 Uhr vor die Tür. Meine Blindenführhündin Smokey und ich freuen uns an diesem schönen Herbstnachmittag auf einen langen Spaziergang und ich mich darauf, ein letztes Mal in diesem Jahr ein Frühstück im Freien genießen zu können.

Während ich unbekümmert den Park entlang laufe, spricht mich ein Typ an: "Sie steuern direkt auf eine Bank zu."

Ich bedanke mich und setze mich zu ihm. Er spielt mit Smokey, wirft Stöckchen, und wir führen ein belangloses Gespräch. Nach einiger Zeit vermittelt mir mein Magen: Hunger! Smokey und ich gehen zurück zum Kaffeehaus, an dem wir auf dem Weg zum Park schon zuvor vorbeigegangen waren.

Ich kann gerade noch den Tisch in der allerletzten Ecke des Vorplatzes ergattern - einer der Gäste zeigt mir diesen Platz. - Hier fühle ich mich auch ins letzte Eck gedrängt - abgeschoben, wie man das als Blinder oft wird, damit die anderen Gäste sich nicht durch den Anblick eines blinden Menschen oder an dessen Essgewohnheiten stören können. - Diesmal ist mein Unbehagen jedoch, wie ich mit der Zeit durch viele Stimmen um mich herum wahrnehme, unbegründet. Dann warte, warte und warte ich auf die Kellnerin.

"Bitte schön?"

"Ich hätte gern einen frisch gepressten Orangensaft, einen Milchkaffee und ..."

"Ob wir noch Orangen haben, muss ich schauen.", unterbricht sie mich.

"Und ein belegtes Brötchen."

"Ob wir noch Brötchen haben, muss ich auch erst schauen."

"Okay, dann schauen Sie mal."

Während ich vor mich hin SMSe, kommt mein Orangensaft.

"Danke!", sage ich aufmerksam und SMSe weiter.

Dann kommt lange wieder nix und irgendwann doch die Ansage, dass es noch belegte Brötchen gäbe: "Womit möchten Sie's denn?"

"Womit haben Sie's?"

"Mit Schinken, Salami oder Käse."

"Dann mit Salami, bitte."

Schleppend trudelt mein Brötchen ein. Wieder bedanke ich mich, halb in mein Handy vertieft, aber dennoch aufmerksam. Den Milchkaffee hat die Dame wohl vergessen und - Scheiße! - auch eine Serviette zum Brötchen. Sie ist so gestresst. Das lässt sie ihre Kunden spüren - so gestresst ist sie, dass ich mich kaum getraue, sie um eine Serviette zu bitten, aber schließlich tu ich's doch, weil ich es als unaufmerksam und unhöflich empfinde, dass eine Kellnerin das Wesentliche, den guten Service, vergisst. - Aber: Sie vergisst ihn danach immer noch - sie wird ihn bis ans Ende unserer Begegnung vergessen. -

Ich habe meinen frisch gepressten Orangensaft getrunken und mein Brötchen gegessen, da bitte ich die Frau am Nebentisch, die mich inzwischen in ein Gespräch über den Hund verwickelt hat, für mich nochmal die Kellnerin zu rufen, weil ich noch einen Eiskaffee bestellen möchte.

"Sie wollen Zahlen?" fragt diese.

"Nein, ich möchte noch einen Eiskaffee bestellen." Fast hätte ich mich dafür entschuldigt.

Dann gehe ich - mit klebrigen Händen und mich schmutzig im Gesicht fühlend - Richtung Toilette, denn schließlich möchte ich, sobald ich den Eiskaffee gegessen habe, nochmal mit meiner Hündin spazieren gehen. Auf dem Weg dorthin laufe ich frontal in das Tablett meiner heißgeliebten Kellnerin, fluche: "Gucken sollte man, wenn man kann." und gehe weiter.

Eine Mutter steht auf und zeigt mir den Toiletteneingang. Dort gibt es weder Toilettenpapier noch Papierhandtücher. Ob das bei den Kunden einen guten Eindruck hinterlässt?

Als ich wieder auf den Vorplatz trete und in die falsche Richtung laufe, brüllt die Kellnerin mich an - in dem typischen Tonfall, als wäre ich taub oder geistig zurück geblieben -: "Nein hier hin. In die andere Richtung müssen Sie. Sie laufen in die falsche Richtung. Hier hin!"

Wie soll ich den Tonfall beschreiben, der in mir diesen Eindruck hinterlässt: Überheblich, bevormundend, vorwurfsvoll, laut, auffällig, jedenfalls sehr unangenehm, sehr erniedrigend.

Zurück an meinem Tisch spüre ich, wie die Dame mich von unten anstarrt, ja mir fast mit ihrem Gesicht unter meinem Kinn hängt, während sie sagt: "Hier ist ihr Milchkaffee - Kakao - äh Eiskaffee." (wieder ohne Serviette).

Und während ich beginne, ihr die von mir erkannten Missstände aufzuzählen, bemerke ich, dass ich ein Selbstgespräch führe, weil die Kellnerin sich inzwischen desinteressiert von mir abgewandt und sich gehetzt einem anderen Kunden - fast wäre ich versucht, "Patienten" zu schreiben - zugewandt hat.

"Scheißladen. Schlechter Service, Doof-Tusse!" fluche ich - peinlich berührt durch diese erniedrigende Situation - vor mich hin. Wie sich später herausstellen wird, hat mein unaufmerksames Gegenüber in diesem Augenblick doch einen winzigen Hauch von Aufmerksamkeit für mich übrig und meinen Ärger durch ihr Rest-Ohr vernommen.

Nun bin ich endgültig auf 180, fühle mich entwürdigend und wie in einer Großküche behandelt: Die kriegt kein Trinkgeld von mir, denke ich. Soll ich einfach das Geld hin legen und gehen? Aber ich weiß ja gar nicht, wie viel ich zahlen muss.

Meine Tischnachbarin, die eben noch mit Smokey geflirtet hat, scheint nicht mehr dazusein.

Nachdem ich meinen Eiskaffee zuende gegessen und getrunken habe, will ich nur noch weg aus der für mich viel zu stressigen Atmosphäre. Ich denke: "Eigentlich könnte ich jetzt gehen, ohne zu zahlen." Aber hier geht das nicht, weil ich um die Ecke wohne und täglich - auf dem Weg zum Park - an dem Laden vorbei muss. Ich hebe die Hand, sage halblaut ja fast resignierend, weil denkend: Die hört mich sowieso nicht: "Zahlen!", undfreue mich im nächsten Moment darüber, dass ein junger Mann hinter mir für mich schon im nächsten Moment meinen Wunsch an die Kellnerin weiterleitet.

Da steht sie auch schon und sagt (wieder in ihrem bevormundenden, entwürdigenden Ton): "6 Euro 70." Vielleicht auch noch "Bitte." Ob sie tatsächlich dieses Wort in den Mund genommen hat, kann ich später jedoch nicht mehr rekonstruieren.

Ich ergreife, während ich mein Geld hervor krame, die Gelegenheit, ihr nochmal meine kritischen Anmerkungen zu vermitteln: "Ich habe Sie zweimal gebeten, Servietten zu bringen."

"Die habe ich dann wohl vergessen", wirft sie ein.

Den vergessenen Milchkaffee, den ich längst nicht mehr trinken möchte, wage ich schon gar nicht mehr zu erwähnen. "Kein Klopapier auf der Toilette", fahre ich fort, "keine Papierhandtücher ..."

"Sind da. Ich hab geschaut. Klopapier steht oben, Papierhandtücher liegen auf dem Handtuchhalter. Da hat wohl jemand zu viele raus gezogen." Die Dame scheint nicht bereit, mir zu Ende zuzuhören.

"Dort habe ich nicht gesucht. Und es wäre doch normal, wenn man jemandem etwas zu essen bringt, Servietten dazuzulegen", füge ich hinzu, während sie mir die 30 Cent auf die 7 Euro vor die Nase legt.

"Ich habe keine Zeit", sagt sie und wendet sich ab - genauso schnell oder noch schneller als zuvor. -

"Ein schlechter Service", erwidere ich mit fester Stimme und höre noch ein angewidertes: "mpfff!"

Dann gehe ich zurück in den Park, froh darüber, diesem ungemütlichen Ambiente den Rücken gekehrt zu haben.

Andrea Eberl

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© 2004 by Andrea Eberl
Erstellt am Fr, 16.09.05, 10:01:19 Uhr.
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