Andrea Eberl /

Andrea Eberl

Am 20. Mai 1964 hat mich meine Mutter mittels Kaiserschnitt viel zu früh zur Welt gebracht, deren Licht ich aufgrund dessen nie erblicken konnte. Durch die anderen Sinne ist sie mir jedoch nicht verschlossen geblieben.

Blindheitsbedingt verbrachte ich fast meine ganze Kindheit und Jugend im Internat, dem Bundes-Blinden"erziehungs"institut in Wien, was mich hinterher ziemlich viel Zeit bei Psychotherapeuten und die Krankenkasse viel Geld gekostet hat.

Nach der Volks- und Hauptschule und dem Polytechnischen Lehrgang habe ich eine Ausbildung zur Steno- und Phonotypistin und zur Telefonistin absolviert. Nicht, weil mir daran lag, ausgerechnet diese beiden Berufsformen auszuüben, nein, weil es in dieser Schule keine weiteren Berufsmöglichkeiten gab.

Dadurch, dass ich mit 15 Jahren meine Mutter verloren habe, habe ich - früher als die meisten Jugendlichen - gelernt, mich allein durchs Leben zu kämpfen und mich auf die Hilfe von Freunden einzulassen, die mich nur selten enttäuscht haben.

Mit 19 begann ich im Bundes-Ministerium für Finanzen in Wien als Telefonistin zu arbeiten. Gleichzeitig bezog ich meine erste eigene Wohnung und erlebte spannende Zeiten, denn ich war auf die Bewältigung praktischer Belange schlecht vorbereitet. So brachte ich mir das Kochen bei, und weil ich für die großen Dinge im Haushalt (Putzen, Schuhe putzen ...) keine Geduld habe, leiste ich mir einmal Wöchentlich einen Putzmann.

Nach 3 1/2 Jahren des Arbeitslebens unter Beamten beschloss ich, einen anderen Weg einzuschlagen. Ich begann, Musik zu machen und reiste sehr viel. http://www.andreaeberl.de/ 1993 fand dann der erste "Dialog im Dunkeln" www.dialog-im-dunkeln.de, eine Ausstellung, in der es nichts zu sehen gibt, in Wien statt, So arbeitete ich in dieser Wanderausstellung 1993, 1994, 1996 und 1998. Als der Blinde und Kunst e.V. www.blinde-und-kunst.de 1993 seine erste Veranstaltung im Dunkeln im Hamburger "Foolsgarden-Theater" hatte, blieb ich spontan dort, um auch im "Normalbetrieb" (im Hellen) Thekendienst zu machen. Diese ehrenamtliche Sache hat mir ein Jahr lang großen Spaß gemacht, aber dann verschlug es mich wieder nach Wien.

Nach Hamburg war Wien aber nicht das Gelbe vom Ei. Die Spießermentalität machte mich depressiv. Irgendwann war mir klar, dass ich den Plan, die alte Heimat zu verlassen, durchziehen müsse, um mir selbst wieder glauben zu können. Durch Nina Hagen hatte ich Josef und Sibilla Brombach aus Lohmar-Deesem kennengelernt, die dort ein Hospiz leiten. Ginge ich nach Köln, würde ich mich nicht ganz allein fühlen, dachte ich, packte innerhalb von zwei Monaten die notwendigsten Sachen und kehrte Österreich den Rücken.

Hier in Köln holten mich allerdings die Startschwierigkeiten ein, noch bevor ich mich richtig zu Hause fühlen konnte. Eine joblose blinde Ausländerin ... Das passte so überhaupt nicht ins Konzept der Behörden. Immer wieder sollte ich nach Österreich ausgewiesen werden. Aber in allen Situationen, in denen ich glaubte, nicht mehr weiter zu kommen, bescherte das Leben mir eine große Portion Glück. Ich setzte mich durch, indem die Frau eines Assistenten einer Bundestagsabgeordneten für mich alle zuständigen Bundestagsabgeordneten anschrieb, die es möglich machten, Aufschub für mich zu bewirken. Ich hatte mich im FloK, dem Freien Lokalrundfunk Köln www.flok.de engagiert, um Bürgerfunk zu machen, und so lernte ich unseren Kollegen Jochen Schemm kennen. "Schreib doch mal an den Betriebsrat von RTL", riet er mir. "Vielleicht können die dir helfen." Angelika Bade hat sich dann dafür eingesetzt, dass ich bei RTL in der Telefonzentrale arbeiten konnte. Das war die Rettung in letzter Sekunde, denn am 11. Mai 1998 war mein erster Arbeitstag, und am 11. Mai 1998 hätte ich bei der Ausländerbehörde die letzte Anhörung gehabt. Ohne Job, so viel war klar, hätte ich das Land verlassen müssen. Diese Niederlage wollte ich auf keinen Fall erleben müssen.

In der Telefonzentrale habe ich bis 2001 gearbeitet, und seit Januar 2002 bin ich in der Zuschauerredaktion tätig. Um den großen Anforderungen stand halten zu können, musste ich am PC geschult werden, was super geklappt hat. Auf meine neuen PC-Kenntnisse bin ich stolz, denn es gibt nicht so viele blinde Menschen, die sich innerhalb eines Jahres so schnell weiterentwickelt haben wie ich. Die Arbeit in der Zuschauerredaktion macht mir Spaß - auch wenn wir uns mitunter mit skurrilen Fragen beschäftigen müssen. -

Die wahre Quelle meiner Lebensfreude aber sind mein Hund, meine Freunde und die Musik. Seit kurzer Zeit arbeite ich mit einem sehr guten Pianisten, und ich hoffe, dass ich in absehbarer Zeit viele Auftritte haben werde. Zusätzlich schreibe ich, wenn mir noch Zeit bleibt, an einer Autobiographie. Außerdem mache ich Bürgerfunk-Radio und wirke bei Veranstaltungen des Blinde und Kunst e.V. künstlerisch und praktisch mit.


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Erstellt am Di, 30.09.03, 10:01:19 Uhr.
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