Ich gehe zur Arbeit /

Ich gehe zur Arbeit - gehen Sie doch mit!

Durch die Leitlinien am Grazer Hauptbahnhof sind Blinde und hochgradig Sehbehinderte ganz schön verwöhnt worden. So erkundete ich, - ein Teil davon ist immerhin mein Arbeitsweg - die uns von der Stadt Graz, Land Steiermark und den ÖBB erwiesenen Wohltaten wie: Noppen- und Rillenfelder, akustische Ampeln und eine neue Art Trennlinie zwischen Gehsteig und Radweg.

Ich steige also die zwei Stufen vom Bahnhofsgebäude auf den Vorplatz hinunter, wende mich nach links, stelle mit dem Stock den Kontakt zum Boden her, um die Leitlinie zum Taxistand nicht zu über"sehen". Ich erreiche diese auch, gehe an ihr zur Gehsteigkante, wende mich aber nach rechts, um das erste Noppenfeld (Einstiegsfeld zur Buslinie 53) zu erreichen. Die Noppen spürt man gut, da wir derzeit auch nicht Winter haben und kein Streusplit irritieren kann. Meine nächste Station ist das Einstiegsfeld für die Linie 52. Das dritte Noppenfeld auf meiner Erkundungstour gilt der Buslinie 50. Soweit, so gut: Wie kommt unsereins eigentlich am besten zur Insel der Buslinien 58 und 63? Es gibt keine Überquerungsrillenfelder, da die Busse nicht immer so gleichmäßig in der Station stehen können, wie wir alle es möchten (es ist zu wenig Platz). Trotz Neugestaltung der Bushaltestellen am Bahnhofvorplatz ist die Lösung nicht zufriedenstellend. Wir erreichen die andere Insel am besten, wenn wir rechts vom Noppenfeld der Linie 53 oder 52 die Fahrbahn überqueren. Nun spaziere ich weiter zum Rillenfeld; dieses ist für die Überquerung der Fahrbahn zur Insel der Buslinie 85 und von dort zum Überqueren des Bahnhofgürtels bestimmt. Jene Rillen spürt man nicht besonders gut, mit dem Schuh gar nicht und mit dem Stock schlecht, nur mit viel Phantasie. Man muss sich Zeit nehmen, sich nach den Rillen richten, sonst kommt man schief und man landet entweder mitten in der Busspur oder, was noch viel schlimmer ist, auf der Fahrbahn des Bahnhofgürtels. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass man mit einem Fuß im Spital und mit dem anderen am Friedhof ist, wenn man schief ankommt. So überquere ich also und lande auf jener Insel. Dort gibt es etwas Neues zu erproben - eine (Test-) Trennlinie zwischen Fuß- und Radweg soll sich dort befinden, welche mit dem Stock tastbar sein soll. Der Streifen ist wieß, bildet also für Sehbehinderte einen guten Kontrast - so lang er nicht grau und schmutzig ist. Da der Asphalt aber sehr rauh ist, kann ich den Trennstreifen schlecht orten. So gehe ich nun entlang; rechts befindet sich der Radweg, links der Fußgängerweg, dazwischen also der tastbare Streifen. Wumm! Eine Falle! Da ich mich mit dem Stock am Streifen orientiere, bemerke ich die Stange (mit einem Verkehrsschild für Radfahrer) erst, als ich sie ramme. Sie steht genau neben dem Trennstreifen, bzw. der Streifen wurde knapp neben der Stange verlegt. Wo, verflixt, soll ich ungehindert gehen? Die linke Inselseite ist der Haltestellenbereich, dort kommt man schlecht bei anderen Passanten vorbei. So versuche ich an der rechten Gehsteigkante entlangzugehen. Halt! - Wieder eine Stange. Eine neue Haltestellentafel wurde dorthin verpflanzt. Ich glaube, ich brauche zwei Stöcke! Endlich gelange ich mit Hilfe des einen Stockes zum Rillenfeld Richtung Keplerstraße über den Bahnhofgürtel. Ich befinde mich rechts vom Radweg und wieß auch, dass sich dort eine akustische Ampel befindet. Im starken Verkehrslärm höre ich plötzlich ein leises Klingeln; es ist grün. Ich beeile mich, da die Ampel nur sehr kurz für grün klingelt, und wenn man schneller geht, kommt man außerdem weniger schief. Drüben angelangt, habe ich links den Übergang über die Keplerstraße, weiterschreitend bemerke ich einen Trennstreifen. Rechts gehe ich am Fußgängerweg und links davon ist der Radweg. Den Streifen dazwischen spürt man mit dem Schuh gut und mit dem Stock sehr gut (der Asphalt ist erst ein halbes Jahr alt und dadurch sehr glatt). Der Streifen endet allerdings schon bei der nächsten Garageneinfahrt, da es sich nur um ein Testobjekt handelt. Natürlich führt mein Weg weiter; ich muss nämlich zur Babenbergerstraße gelangen, um dort die Keplerstraße zu überqueren. Vor der Überquerung befindet sich eine Bushaltestelle, welche für uns schlecht auffindbar ist. Außerdem muss unsereins auf dem Radweg stehenbleiben, um erstens den Bus nicht zu überhören und zweitens, um zu erfragen, um welche der drei Linien es sich handelt. Wenn ich zur akustischen Ampel möchte, wie in diesem Fall, um sie für den Ton während der Grünphase zu aktivieren und mich am Richtungspfeil zu orientieren, muss ich mich auch auf den Radweg wagen, auch wenn die Damen und Herren Radfahrer nicht immer langsam und rücksichtsvoll unterwegs sind und auch ihre Klingel nicht verwenden. Somit überquere ich die Keplerstraße und gehe zur Arbeit.

Liebe geschätzte Mitmenschen: Wenn Sie einmal ausziehen möchten, um das Fürchten zu lernen, brauchen Sie dazu keinen Gruselfilm! Sie brauchen mich nur einmal - Stock und Augenbinde bringe ich mit - auf einem Spaziergang vom Grazer Hauptbahnhof zum Amtsgebäude in der Babenbergerstraße begleiten. Stadtpolitiker und deren Mitarbeiter sind besonders willkommen!

Anna Nussthaler

Aus: "Odilien-Institut im Blickpunkt", Folge 40/Juni 1999

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Erstellt am Di, 17.10.00, 08:01:19 Uhr.
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