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Umgebaute Straßenbahngarnituren - für Blinde eine Falle

Einige Straßenbahngarnituren der Grazer Verkehrsbetriebe wurden im Laufe des vergangenen Jahres umgebaut und zur Personenbeförderung wieder eingesetzt. Zwischen dem zweiten und dritten Einstieg wurde der Zug geteilt, ein Niederflurteil eingesetzt und wieder zusammengebaut. In jenem Teil befinden sich einige Klappsitze, einige Sitze der üblichen Art und eine Bodenplatte, die der Fahrer herausklappen kann, wenn ihm durch das Drücken eines besonderen Knopfes das Signal gegeben wird, dass ein Rollstuhlfahrer ein- oder aussteigen möchte. Die Idee ist gut; denn auch mit einem Kinderwagen kann man jetzt einfacher als früher die "Bim" benutzen. Für gehbehinderte und alte Menschen ist dieser Niederflurteil ein Segen. Und jetzt kommt's aber: Für uns Blinde und auch für hochgradig Sehbehinderte ist das eine Falle und sehr gefährlich. Vom niederen Teil aus führen nämlich drei Stufen in den übrigen erhöhten Fahrgastraum.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Blinder steht an einer Haltestelle in Höhe der Fahrertür. Die "Bim" kommt, er steigt ein und sucht sich einen Platz. Da man im Eingangsbereich bzw. bei der Tür nicht unbedingt stehenbleiben soll und meist auch keinen Sitzplatz oder zumindest einen guten Stehplatz angeboten bekommt, wandert man weiter.

Weil ein sehgeschädigter Mensch aber nicht wissen kann, ob die Garnitur einen Niederflurteil eingesetzt hat, muss er sehr auf der Hut sein, um nicht plötzlich die Stufen hinunterzurattern. Wenn sich also der Zug schon in Bewegung gesetzt hat, kann der Blinde theoretisch nicht mehr weitergehen, da er, im Falle eines Sturzes, in der Geschwindigkeit keinen Haltegriff erhaschen kann.

Meine eigene Erfahrung als fast Erblindete: Ich wusste noch nicht viel von der neuen Garnitur. Eines Tages also stieg ich beim Fahrer ein; ich ging von der Tür weg und wollte mir einen Sitzplatz suchen. Es war keiner frei und es wurde mir auch keiner angeboten. Also spazierte ich weiter durch den Fahrgastraum. Auf einmal dachte ich: "Warum werden die vor mir gehenden Leute plötzlich so klein?" - "Zack", da war sie schon, die Falle, die Stiege. Im letzten Moment erfaßte ich einen Haltegriff und nach dem ersten Schreck dämmerte es mir: "Das ist eine neue Garnitur." In diesem Falle hatte ich noch Glück, da ich bei der Endstation einstieg und der Wagen noch nicht abgefahren war. Was wäre geschehen, wenn .....? Nicht auszudenken!

Leider habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass gerade junge Leute im niederen Teil "knotzen" und folglich Alte und Behinderte erst recht wieder die gern gemiedenen Stufen steigen müssen. So ersuche ich die Mitmenschen sehr höflich, etwas mehr Rücksicht zu nehmen und vor allem auch mitzudenken.

Noch eine Empfehlung an alle Betroffenen: Fragen Sie gleich den Fahrer, mit welcher Art von Garnitur Sie es zu tun haben, dann können Sie immer noch entscheiden, ob Sie beim Fahrer stehenbleiben oder in den rückwärtigen Teil auf Platzsuche gehen. Übrigens, liebe Mitmenschen, ein guter, sicherer Stehplatz ist besser als ein schwankender "Geh-Platz".

Noch eine Bitte an die Grazer Verkehrsbetriebe: Informieren Sie die Behinderteninstitutionen, speziell aber uns Blinde rechtzeitig, wenn es Neuerungen und Änderungen gibt.

Anna Nussthaler

Aus: "Odilien-Institut im Blickpunkt", Folge 43/März 2000.

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Erstellt am Mi, 18.10.00, 08:01:19 Uhr.
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