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System - System!
Erfahrungen mit dem Orientierungs- u. Mobilitäts-Training

Die Folgen einer juvenilen Makuladegeneration werden zunehmend spürbar: Farben verabschieden sich, die Einstellung am Bildschirm-Lesegerät nähert sich der maximalen Vergrößerung an, Nebelwolken erscheinen im Gesichtsfeld, rotes oder grünes Licht an der Ampel ist nur in Ausnahmefällen noch zu sehen. Die Angst vor der Null-Prozent-Grenze - seit Jahren ein ständiger Begleiter - ist nicht mehr zu ignorieren.

Also tue ich das für mich, die ich eine Hundejule bin, nahe liegende: Ich suche mir einen Welpen, später einen Führhundetrainer, der mir dabei helfen will, diesen jungen Hund in einen Führhund zu verwandeln. Eine schöne, aber auch schweißtreibende Erfahrung mit ungewissem Ausgang!

Während der Ausbildung meines Hundes wurde mir klar: Auch der perfekteste Hund braucht einen Menschen, der seinen Weg kennt! Ein "Mob-Training" musste sein!

O und M-Training - ja, aber wo? Ich wollte das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. So fiel meine Wahl auf Hamburg; dort wollte ich schon lange einmal hin. Und IRIS, das Institut für Rehabilitation und Integration Sehgeschädigter, kannte ich von einem Low-Vision-Workshop.

Weil weder die Trainerin noch ich die Feiertagstermine im Kopf hatten, findet das erste Training am Pfingstmontag statt.

Als Erstes wird abgeklärt, welche Hilfsmittel mir weiterhelfen können. Ein kurzer Gang in die nähere Umgebung des Hotels zeigt mir, dass ich längst nicht so geschickt bin, wie ich es glaube. Am Morgen hatte ich versucht, die nächste U-Bahn-Station zu finden. Vergeblich! Ich hatte kaum fünf Meter weit entfernt gestanden ohne sie zu sehen.

In den nächsten Trainingseinheiten lernte ich mit dem Langstock umzugehen. Die Trainerin, Karin Finke, brachte mir einen Stock mit einer großen, weißen Kugel an der Spitze mit. Ich übte erst einmal in den langen Fluren von Verwaltungsgebäuden. Die ersten Übungen in der Pendeltechnik zeigten mir die engen Grenzen meiner Koordinationsfähigkeit. Bei Treppen abwärts war mir sofort klar: Der Langstock ist ein Geschenk des Himmels, bei korrekter Handhabung kann nichts mehr passieren. Zum ersten Mal empfinde ich so etwas wie Sympathie für dieses sperrige Gerät.

Ein wichtiger Programmpunkt: Das Training an Kreuzungen! Signalampeln gibt es in Gelsenkirchen wenige, und keine in meinem Viertel. Der Wald ist nur über eine stark befahrene Kreuzung zu erreichen. Fußgängerströme, denen ich folgen kann, gibt es dort nur am Morgen zu Schulbeginn.

T-, X- und Sternkreuzungen, gesonderte Rechts- und Linksabbieger - Himmel und Hölle, worauf habe ich mich da eingelassen! Erst muss die Kreuzung gründlich analysiert werden: Welche Form hat die Kreuzung, wie viele Phasen gibt es? Gibt es eine gesonderte Regelung für Abbieger? Hypothesen müssen überprüft und Verhaltensstrategien überdacht werden. Und nicht vergessen: Bei geringem Verkehrsaufkommen geht die Systematik zum Teufel! Es hilft nur eins: Ruhe bewahren! - Als wenn das so einfach wäre ... Ein Restrisiko bleibt! Es liegt an mir, es so gering wie möglich zu halten!

Eine fremde Stadt erkunden, Wege nach Stadtplan oder nach Beschreibung finden, den Rückweg schon beim Hinweg mit bedenken - gibt es bauliche Strukturen oder andere Merkmale, an denen auch ich meinen Weg wiedererkennen kann? In welcher Himmelsrichtung liegen Ziel und Ausgangspunkt? Jemand, der wie ich nicht mit einem guten Orientierungssinn ausgestattet wurde und zusätzlich schlecht sieht, hat da vieles zu kompensieren!

Nur Überlegung und Logik kann helfen. Wo könnte der Busbahnhof sein? Sicherlich nicht weit vom Ausgang des Bahnhofs entfernt, schließlich will man den Reisenden keine allzu langen Wege zumuten. Ich gehe an einem langen großen Gelände mit Bauzaun vorbei ohne mir etwas zu denken. Kein Busbahnhof, weit und breit. Nichts! Verdammt, wieder mal nicht gefunden. Frau Finke hilft: Überlegen Sie in Ruhe, was haben Sie auf Ihrem Weg festgestellt? Na ja, rechter Hand großes Gelände, wird neu bebaut oder umgebaut. Bei mir fällt noch kein Groschen. Was haben Sie sonst noch beobachtet, vielleicht auf der anderen Seite des Bürgersteigs? Hm, eigentlich nichts Besonderes. Also gehe ich den gleichen Weg zurück und: "Hm, in regelmäßigen Abständen stehen Schilder. Vielleicht sollte ich doch einmal mit dem Monocular ..." und siehe da, es stehen Zahlen auf den Schildern. Das Chaos ordnet sich, die Erklärung ist einfach: Der Busbahnhof wird umgebaut, die Haltestellen sind provisorisch entlang der Straße eingerichtet worden.

Ähnliche intellektuelle Glanzleistungen vollbringe ich am Bahnhof Dammtor, der völlig umgebaut wird. Im Inneren des Gebäudes gibt es so gut wie keine vernünftigen Hinweise. Ich soll herausfinden, wo welche Busse abfahren. Diese Aufgabe löse ich überraschend schnell. Aber dann! Ich soll den Stand für die Taxen finden! Vor dem Hauptausgang hatte ich nichts bemerkt, Taxen finden sich häufig am rückwärtigen Ausgang - vor allem wenn umgebaut wird. Ich gehe durch den Bahnhof zum Hinterausgang und finde - nichts. Ich höre keinen Verkehr, keine Autos, ich sehe einige Baubuden?? Ich gehe einige Meter nach links. Immer noch nichts zu hören oder zu sehen. Also zurück in den Bahnhof, vielleicht habe ich doch Hinweise übersehen.

Da gehen, dicht an mir vorbei, einige Passanten mit Koffern. Sie streben auf den Hinterausgang zu! Verdammt, natürlich, ich hatte vorhin vergessen, auch nach rechts zu gehen. Zu blöd und zu schnell - Immer schön systematisch alles absuchen, Frau Benard ...!

Eine wahre Erleuchtung war das Gehen mit Kompass. - Selbst in vertrauter Umgebung verliere ich die Orientierung. Es genügt, ein Gebäude durch einen anderen Ausgang zu verlassen als ich es betreten habe. Da ist der Kompass die Lösung, - Voraussetzung ist natürlich ein Stadtplan oder Wegeplan im Kopf!

Hamburg, immer noch: Ich steige an der U-Bahnstation Stephansplatz aus, ich möchte zum Jungfernstieg und zum Neuen Wall. Nichts einfacher als das! Richtung Süden - und los!

Der Kompass erspart es mir alle auf den Platz einmündenden Straßen abzuklappern und mühsam mit dem Monocular die Straßennamen zu suchen und zu entziffern. In der Zeit bin ich - durch den Einsatz des Kompasses - längst an der Alster! Inzwischen habe ich schon den Kompass der zweiten Generation. Der Erste hat die Kochwäsche nicht überstanden.

Eine erfreuliche Erfahrung: Wenn ich mit Langstock gehe, habe ich viele Hilfsangebote. Ich nehme sie nicht an, denn Frau Finke ist irgendwo in der Nähe, also lehne ich auch die verlockendsten und bequemsten Angebote ab: "Ich trainiere gerade, ich versuche es ohne Hilfe auszukommen ..."

Als ich noch "inkognito" ging und mich nach der Straßenbahn erkundigte, bekam ich regelmäßig zur Antwort: "Das steht doch drauf, guck doch hin. Bist du blind ... Geh mal zum Arzt und lass dir eine Brille verpassen ...!" Ein offener Umgang mit dem Handicap macht das Leben stressfreier.

Die Woche in Hamburg war interessant und anstrengend, aber eine gute Sache - nicht nur für meine Mobilität, auch für meine Seele!

Aber - wie so oft - ist die Planung das eine und die Durchführung etwas ganz anderes! Geplant waren jeweils eine Trainingseinheit am Vormittag und eine am Nachmittag. Im übrigen wollte ich Hamburg genießen, an der Alster spazieren gehen, mit einem Schiffchen durch die Kanäle fahren.

Nichts Derartiges habe ich gemacht in der ersten Woche. Das Training mit dem Langstock, die systematischen Übungen zur Orientierung in fremder Umgebung, das "Studium" von Kreuzungen - alles das war mir wichtiger und interessanter als alle Schönheiten Hamburgs. Ich wollte alles in das Training packen, was ich jahrelang allein versucht hatte, alles nachholen und natürlich auch, für schlechte zukünftige Zeiten im Voraus trainieren.

Frau Finke ist flexibel und hat zusätzliche Zeit eingeplant, so wird es eine Intensiv- und Kompakt-Trainingswoche. Den Rest des Tages bin ich kaputt und hundemüde und habe noch gerade so viel Energie, um ein gutes Essen mit Fisch und Wein am Abend zu genießen.

Am letzten Trainingstag habe ich ein Brett vor dem Kopf, nichts geht mehr. Frau Finke überlegt, ob sie mir nicht zu viel zugemutet hat. Ich sehe ein: Mit dem Thema "Mobilität" bin ich noch nicht fertig - und mit dem Thema "Hamburg" auch nicht. Also nach einigen Wochen noch einmal an die Elbe; Wiederholung besonders schwieriger Programmpunkte: Das Training an großen Kreuzungen, das systematische Absuchen der Umgebung mit dem Monocular, das aufmerksame Beobachten auffälliger Strukturen und vor allem: Ruhe bewahren, gelassen bleiben!

Meine Erkenntnis: Nichts ist einfach - aber für mich ist vieles noch machbar!

Und Hamburg? Hamburg ist eine schöne Stadt, in der zweiten Woche habe ich genug Zeit das zu erfahren. Tatsächlich finde ich die meisten Wege, die ich zu Hause mit dem Bildschirm-Lesegerät aus meinen Führer herausgesucht habe.

Ursula Benard

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 7/8, Juli/August 2003.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

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Erstellt am Do, 29.04.04, 09:07:46 Uhr.
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