A day in the future /

A day in the future

Nicole erwachte aus einem wunderschönen Traum: Der Sänger, mit dem sie Sex gehabt hatte, war mit der angenehmsten Stimme gesegnet, nach der dem Ohr einer blinden Frau im Wachzustand hungert. Er berührte sie sanft und leidenschaftlich. Grobe Berührungen mochte Nicole nicht, das wusste ihr Traummann.

Nicole war eine der "übrig gebliebenen" Blinden. Ihre Schulkameraden hatten sich längst einen Mikrochip einpflanzen lassen, um das Sehen zu erlernen. Dafür bezahlten sie, wie Nicole empfand, einen viel zu hohen Preis: Sie mussten sich dreimal täglich einen Medikamenten-Cocktail mixen, damit ihr Körper den eingepflanzten Fremdkörper nicht abstieß. Nicole hatte sich gegen diese Methode entschieden, obwohl ihre Neugierde keine Grenzen kannte. Sie hatte sich dazu entschlossen, die Welt weiterhin zu erfühlen.

Als die große, schlanke, schwarzhaarige Frau erwachte, lag ihr Traummann nicht neben ihr. Ihr so oft geträumter Traum endete jedesmal kurz vor dem Orgasmus. Meistens wurde er unbarmherzig durch ihr Schnurlostelefon, das sie ansprang, unterbrochen. "Steh auf, Alte! Du musst zur Arbeit." rief es. Nicole brüllte meistens hemmungslos: "Schnauze", aber danach ergab sie sich ihrem Schicksal und tat, was das Gerät ihr befohlen hatte. Sie öffnete die Haustür, griff nach dem Strahl der Sonne und befahl ihrer Blindenführhündin Kucki, im Garten ihre Morgentoilette zu erledigen. Nachdem der Colortest ihr die passende Kleidung ans Bett gebracht, die Zahnbürste ihre Zähne geputzt die Kaffeemaschine den Kaffee serviert, der Backofen frische Brötchen ausgeworfen und die Robotterin Claudia diese essfertig zubereitet hatte, frühstückte Nicole schnell, warf sich in Schale und schlenderte mit Kucki zu ihrem Elektromobil.

Nicole war so um die 50. Sie wohnte in einem kleinen Dorf bei Köln. Früher war sie auf ihr Domizil in der Stadt angewiesen gewesen. Aber dank der modernen Technik hatte sie seit drei Jahren ihr Elektromobil, in das sie nun mit Kucki einstieg. "Kucki, ist die Bahn frei?" "Wuff". Antwortete die Hündin, das bedeutete: Ja. Nicole konnte nun den Computer starten und das gewünschte Ziel eingeben: "Köln, Aachener Straße 49" Nachdem sie mit "Enter" ihre Eingabe bestätigt hatte, setzte sich das Elektromobil in Bewegung. Kuckis Job bestand darin, zu bellen, wenn die Ampel auf Grün oder Rot schaltete, damit Nicole rechtzeitig bremsen oder weiter fahren konnte. Bellte Kucki zweimal, war es Zeit, die Spur zu wechseln. Nach 20 Minuten hatten die beiden ihr Ziel erreicht.

Nicole musste nicht zur Arbeit, denn es gab kaum noch welche. Die einzige Berufsgruppe, die zum Arbeiten verdonnert war, waren die Künstler, denn kein Computer malte so schön wie die Hand eines begabten Malers, und kein Lied klang schöner als das von der Stimme eines Sängers gesungene. Aber all das, was die Menschen sonst in der Regel vor zwei Jahrzehnten noch in mühsamer Kleinarbeit erledigen mussten, hatte inzwischen die moderne Technik übernommen. Die Menschen hatten aber dennoch genug Geld, um sich zu ernähren und ihr Leben genießen zu können. Deshalb sahen sie ausgeglichen und zufrieden aus.

Kucki brachte ihr Frauchen an die gewünschte Eingangstür. Die mit einem Mikrochip ausgestattete Freundin Bettina freute sich, Nicole und Kucki empfangen zu können. Bettina unterschied sich äußerlich nicht von den Menschen, die ohne technische Hilfen sehen konnten, doch seit sie nicht mehr blind war, hatte sich ihr Styling verändert. War sie früher meist schwarz gekleidet gewesen, so machte es ihr jetzt Spaß, mit der Vielfältigkeit der Farben spielen zu können, und die prachtvollen langen roten Haare, die früher straßenköterblond gewesen waren, konnte inzwischen niemand mehr übersehen.

Bettina schilderte der Freundin, wie sie das Sehen neu erlernt hatte, und wenn sie ihr optische Eindrücke vermittelte, ging sie so genau ins Detail, wie es ein mit Augen ausgestatteter Mensch niemals fertig gebracht hätte. Nicole und Bettina sprachen von verschwommenen Jugenderinnerungen an den Krieg im Irak 2003 und waren froh darüber, dass die Menschen dazugelernt hatten. Es gab keinen Krieg mehr auf der Welt, die Wälder waren gesund, und niemand fällte mehr einen Baum.

Stunde um Stunde verging. Die Freundinnen ließen sich von der treu ergebenen Robotterin Lilli mit Essen, Getränken und Joints verwöhnen. Die Bundesregierung hatte nach einem jahrzehntelangen Kampf mit einer 2/3-Mehrheit entschieden, alle Drogen freizugeben, und es gehörte zur europäischen Kultur, zwischen den Mahlzeiten kleine Hanf-Häppchen zu sich zu nehmen.

Am Nachmittag machten Nicole und Bettina einen langen Spaziergang mit Kucki und Bettinas pensionierter Führhündin Lucky. In bunten Farben beschrieb Bettina der Freundin die Natur und das Universum.

Des Abends lenkte denn das computergesteuerte Elektromobil nach Bonn in die "Jazzgallerie", wo die beiden Frauen sich von ihren Hunden trennten. Kucki und Lucky gingen in den Park, während Nicole und Bettina sich auf die Darbietung des Liedermachers Götz Widmann freuten. Götz war fast 70 Jahre alt, hatte inzwischen seine dritten Zähne, und seine Stimme klang verlebt. Sein Outfit aber glich dem in den früheren Jahren. Er hatte eine neue Hightech-Gitarre und neue Lieder, die zeitgemäße Texte enthielten, mitgebracht.

Bettina schloss die Augen, um sich nicht von optischen eindrücken ablenken zu lassen. So konnte sie die Musik in akustischen Farbtönen genießen, wie sie es vor ihrer Augen-Operation gewohnt gewesen war. Lauschend und in Gedanken versunken, freuten sie und Nicole sich über das schöne Konzert.

Als die beiden Frauen, nachdem sie ihre Hunde eingesammelt hatten, den Heimweg antreten wollten, hörten sie unbehagliches Knurren von Kucki. Bettina begutachtete deshalb das Auto und stellte fest, dass ein Reifen geplatzt war. Ein kurzer Anruf genügte, und ein Mann vom Elektromobil-Reparaturdienst war innerhalb von zwei Minuten zur Stelle. Er staunte nicht schlecht, als die Frauen ihm erzählten, dass die Führhündin Kucki den Fehler entdeckt hatte.

Als der Autoreifen repariert war, brachte Nicole die Freundin nach Hause. Als sie später - zufrieden mit sich und der Welt - in ihrem Bett lag, dankte sie dem Universum für den schönen Tag, dem noch viele Jahre im gleichen Stil folgen sollten.

Andrea Eberl

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© 2003 by Andrea Eberl
Erstellt am Di, 14.10.03, 08:01:19 Uhr.
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