Die Pendeluhr /

Die Pendeluhr

Es begann alles mit ein wenig Ehrfurcht:

In dem Gasthaus, das Ziel vieler Wanderungen schon in meiner Kindheit war, hing über der grün-weißen Küchentür, die gleich neben der Ecke mit dem Stammtisch war, eine Pendeluhr. Das war aber durchaus keine gewöhnliche Pendeluhr, sondern eine, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Der Uhrkasten war nicht rechteckig, sondern quadratisch. Vom Pendel konnte ich also nur ein Stückchen - abwechselnd links oder rechts - hinter dem Zifferblatt hervorgucken sehen. Was mich aber besonders an ihr faszinierte, war der tiefe, satte Klang, wenn sie zur vollen Stunde schlug. Egal, was ich gerade tat, wenn sie zu schlagen begann, sah ich - fast andächtig - zur schönen alten Uhr hinauf.

Als das Lokal aufgegeben wurde, bekam ich - weil ihr mein besonderes Verhältnis zur Uhr aufgefallen war - diese von der Besitzerin geschenkt. Nun schaut meine Pendeluhr also nicht mehr über die Wirtsstube hinaus auf den Leopoldsberg, sondern sie tickt auf mein Wohnzimmer herab.

Ihr Stundenschlag erinnert mich im Frühling, wie meine Schwestern und ich die ersten Leberblümchen am Waldrand suchten, im Sommer denke ich gerne daran, wie oft ich mit Freunden im Gastgarten gelacht und getrunken habe. Wenn meine Uhr im schräg einfallenden Licht des Herbstes schlägt, sehe ich wieder die ganze Familie bei der Weinlese helfen und an den langen Winterabenden erinnert mich ihr stetes Ticken daran, wie ich - die schneeschweren Stiefel zum Trocknen zum Ofen gestellt - mit einer Tasse Tee am Stammtisch saß und der Schäferhund des Hauses mir seinen Lieblingsball erwartungsvoll vor die Füße legte.
Während andere sich verstaubte Fotoalben ansehen müssen, ruft der Klang meiner Uhr mühelos die buntesten Bilder in mir wach.

Susanna Köfinger

Aus "Susi" 1/1997

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Erstellt am Di, 07.11.00, 08:01:19 Uhr.
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