Yvonne Ramm /

Yvonne Ramm

Ich bin 1978 in Hannover geboren, und zwar, im Gegensatz zu in dieser Zeit vielen blinden Kindern, genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich habe es also geschafft, ganz ohne Mithilfe eines Brutkastens blind zu sein. Die Ursache dafür ist ein Netzhautdefekt. Da ich den von meinem Vater geerbt habe, hatte ich den schon vor meiner Geburt.

Als Kind konnte ich noch Hell und Dunkel unterscheiden, was, wie mir allerdings erst als Erwachsene bewusst wurde, eine große Hilfe war. So zwischen 10 und 11 muss mir dieser kleine Sehrest dann verloren gegangen sein. Genau lässt sich der Zeitpunkt nicht sagen, weil wir es nicht gemerkt haben.

In den ersten Jahren wuchs ich hauptsächlich in Hannover auf und ging dort, zusammen mit meiner Schwester, in einen ganz normalen Kindergarten.

Es wurde kurz überlegt, mich gleich von der Grundschule an, integrativ zu beschulen. Dieser Plan wurde jedoch aus verschiedenen Gründen wieder fallen gelassen. Schließlich entschieden sich meine Eltern erst mal für die Blindenschule in Hannover.

Dort blieb ich sechs Jahre und wechselte dann doch auf eine integrative Schule. Eine kooperative Gesamtschule in Hamburg hatte sich, vor nun inzwischen 30 Jahren bereiterklärt, in ihren Gymnasialzweig auch blinde Schüler mit aufzunehmen, weil es damals in Deutschland nur ein Gymnasium, speziell für blinde, gab, in Marburg.

In den ersten Jahren in Hamburg lebte ich im Blindenjugendheim, da der Weg nach Hause zu weit war, um jeden Tag zu fahren.

Als ich 17 war, zog ich dann in eine, dem Internat angegliederte, Wohngruppe um. Eigentlich eher ein Wohngrüppchen. Es teilten sich immer zwei sehbehinderte oder blinde Schüler eine Wohnung. Für unseren Haushalt und unsere Verpflegung waren wir selbst verantwortlich. Dort lernte ich, neben dem Umgang mit Freiheit, auch eine gesunde Portion Egoismus.

Ich schlug mich, zunehmend weniger motiviert, bis zum Abitur durch. Inzwischen hatte ich jedoch festgestellt, dass ich weder Jura, noch Sozialpädagogik, noch überhaupt studieren wollte. Ich wollte Masseur werden, wie schon als kind.

Ich musste dafür ein halbes Jahr einen Vorkurs belegen und ging deshalb nach Würzburg. Dann zog ich nach Mainz, weil dort eine der wenigen Massage- und Physiotherapeutenschulen ist, die auch blinde und sehbehinderte Menschen ausbilden. das Schülerverhältnis Sehende und sehbehinderte liegt dort bei etwa, nehme ich an, 50 Prozent.

Ich finde beide Berufe, Masseur und Physiotherapeut interessant und meine, dass sie sich gut ergänzen.

Da es die Möglichkeit gibt, erst Masseur zu werden und dann eine darauf aufbauende Weiterbildung zum Physiotherapeuten zu machen, wählte ich diesen Ausbildungsweg. Ich wurde also erst einmal das, was ich schon lange hatte werden wollen, Masseurin. Dann arbeitete ich eine kurze Zeit in diesem Beruf und begann die Weiterbildung zur Physiotherapeutin. Meine Arbeit macht mir Freude.

Ich habe viele Interessen. Aber bei mir ist es so, wie bei vielen Leuten. Nicht alles, wofür ich mich interessiere, tue ich auch regelmäßig.

Handarbeiten mache ich sehr gern, aber sehr selten. Besonders das Material zum Körbe flechten ruht schon seit Jahren gut eingetütet auf dem Dachboden. Hier steht auch eine Gitarre, die ich zwar auch nur selten spiele, aber doch oft genug, dass sie noch nicht auf dem Dachboden wohnen muss.

Spiritualität ist sehr wichtig für mich und ich glaube an Gott, auch wenn ich mit der Zeit immer weniger mit konservativen Christen übereinstimme.

Ich interessiere mich für alternative Heilmethoden, übe Tai-Chi, fahre Tandem, gehe Spazieren und in die Sauna, lese gern und höre viel musik. Ich mag Liebesfilme, Spieluhren und Blumen und mich mit Freunden treffen. Aber es ist mir wichtig, viel Zeit für mich allein zu haben.

Yvonne Ramm


Veröffentlichte Texte auf anderssehen.at

Erstellt am Mo, 21.09.09, 08:30:19 Uhr.
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