Mehr als Augen die für mich sehen /

Mehr als Augen die für mich sehen

Für die einen sind wir eine kleine Sensation, für die anderen bereits ein vertrauter Anblick, aber in jedem Fall erregen wir viel Aufmerksamkeit, wenn wir in Graz unterwegs sind - meine Blindenführhündin Patja und ich. Während der Führhund als Begleiter eines stark sehbehinderten oder blinden Menschen in den meisten Staaten Mittel- und Westeuropas und in den USA eine Selbstverständlichkeit ist, gilt diese wertvolle Mobilitätshilfe bei uns als Seltenheit. Die Einschätzungen dessen, was der Blindenführhund leistet und wie er lebt, liegen, ebenso wie die Vorstellungen vom Leben und den Fähigkeiten eines Blinden, häufig in extremen Positionen. So wie der Blinde entweder als bemitleidenswerter Hilfloser oder als ehrfurchterweckender "Herzeigebehinderter" gesehen wird, halten die einen den Führhund für ein geknechtetes, all seiner Freiheiten und natürlichen Instinkte beraubtes Wesen, während die anderen annehmen, daß er bewußt die alleinige Verantwortung für den Blinden übernimmt und in dem Maße in jeder Situation "mitdenkt", wie das eigentlich die sehenden Mitmenschen tun sollten. Mit der Beschreibung meiner Beziehung zu meinem Hund und unseres Zusammenlebens hoffe ich, einige dieser Klischees ausmerzen zu können.

Meine sehr starke Sehbehinderung konnte meinen Drang nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit nie mindern. So bestand ich vom Zeitpunkt meines Abganges von Schule und Internat darauf, Graz auf eigene Faust so gut kennenzulernen, daß ich jeden gewünschten Weg ohne Begleitung eines Sehenden zurücklegen konnte. Nachdem ich einiges Lehrgeld in Form von Beulen, Kratzern und blauen Flecken gezahlt hatte, war mir klar, daß ich eine Mobilitätshilfe - entweder ein gezieltes Training mit dem Langstock oder einen Führhund - benötigte. Der Umstand, daß ich mit Hunden aufgewachsen bin, ließ mich von Anfang an eher zum Führhund hin tendieren. Die endgültige Entscheidung für den Hund brachte jedoch ein nächtliches Erlebnis, das in mir den Wunsch nach einem Beschützer weckte.

Etwa ein Jahr später konnte ich zur Einschulung mit der dreijährigen Labradorhündin Patja in die Schweizerische Schule für Blindenführhunde nach Allschwil bei Basel fahren. Eine solche Einschulung ist notwendig, damit der frischgebackene Hundebesitzer lernt mit seinem Hund umzugehen, ihn richtig zu füttern und zu pflegen, sich vertrauensvoll vom Hund führen zu lassen, auf das, was der Hund durch sein Verhalten mitteilt, zu achten und richtig zu reagieren und ihm mit den richtigen Anweisungen (Hörzeichen) zum richtigen Zeitpunkt anzuzeigen, was er tun soll. Ebenso wichtig ist es, daß sich der Hund in dieser Zeit an seinen neuen Besitzer gewöhnt, seinen Gang und seine Sprechweise kennenlernt und begreift, daß er nun diesem Menschen gehorchen soll. Es erfordert Zeit und Geduld bis eine gute Beziehung entsteht, denn der Hund fühlt sich seinem Trainer, der ihn etwa zwei Jahre lang liebevoll und geduldig ausgebildet hat, verbunden. Die Trennung bedeutet eine große seelische Belastung für das Tier. Auch für mich brachte diese Gewöhnungsphase, die sich noch einige Zeit über die Einschulung hinaus erstreckte, manchmal Probleme. Einerseits wollte ich meiner Patja so viel Liebe wie möglich entgegenbringen, um ihr über den Trennungsschmerz hinwegzuhelfen, und ich wünschte mir auch von ihr geliebt zu werden, andererseits mußte ich ihr auch klarmachen, daß ich der "Oberhund" bin, dem sie gehorchen muß. Die Tatsache, daß Patja ein ganz besonders freundlicher und kontaktfreudiger Hund ist, erleichterte und beschleunigte unser Zueinanderfinden, und als sie zum ersten Mal besitzergreifend beide Vorderpfoten auf meinen Unterarm legte, um ihn dann voller Hingabe abzuschlecken, war klar, daß wir es geschafft hatten.

Als ich meine Einschulung mit Patja begann, war sie bereits ein vollständig ausgebildeter und geprüfter Blindenführhund. Führhundeschulen züchten ihre Hunde zum Großteil selbst und bereits die Welpen werden auf bestimmte Eigenschaften, die zur Eignung als Führhund erforderlich sind, getestet. Die endgültige Entscheidung darüber, ob ein Hund ausgebildet wird, erfolgt aber erst nach einem Jahr, wobei neben den charakterlichen Eigenschaften auch großer Wert auf gute Gesundheit gelegt wird. Bis zu diesem Zeitpunkt leben die jungen Hunde bei Patenfamilien und werden dort zu guten Haus- und Familienhunden erzogen. Die Leistung, die diese Patenfamilien für das Führhundewesen erbringen, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es erfordert viel Zeit und Geduld einen jungen Hund gut zu erziehen, und wenn man schließlich die Früchte dieser Arbeit genießen könnte, muß man sich von dem lieb gewordenen Schützling wieder trennen, denn nun erhält er in der Führhundeschule seine eigentliche Ausbildung. Das Aufwachsen in familiärer Umgebung ist jedoch unerläßlich, damit sich der Hund im Lebensbereich seines späteren Besitzers gut zurechtfindet. Dauer und Form der Ausbildung differieren in den verschiedenen Führhundeschulen. Ein Prinzip ist jedoch in jedem Fall grundlegend: Der Hund soll Freude an seiner Arbeit haben und seine Motivation sollen das Vertrauen und die Anerkennung seines Besitzers sein, nicht die Angst vor Strafen. Er sollte seinem Besitzer gehorchen, gleichzeitig aber genug Eigenwillen haben, um, wie im Falle des Umgehens von Hindernissen, auch selbständig seinen Weg finden zu können. Daher erfolgt die Ausbildung sehr sanft und behutsam. Richtiges Verhalten wird mit viel Lob belohnt, falsches Verhalten, wenn möglich, so korrigiert, daß es für den Hund unangenehme Folgen hat, die er aber nicht als Bestrafung durch den Ausbilder erlebt.

Zum Beispiel: Der Hund soll lernen einen Weg entlang zu führen, ohne seitlich in die Wiese abzuweichen. Wann immer er den Weg verläßt, simuliert der Ausbilder ein Stolpern, wobei er den Hund leicht anrempelt. Bleibt der Hund am Weg, wird er dafür gelobt, sodaß das richtige Führverhalten zur eindeutig angenehmeren Variante für ihn wird.

Dies alles erfordert sehr viel Geschick und Einfühlungsvermögen vom Ausbilder und nimmt auch viel Zeit in Anspruch. Das Ergebnis sind keine unterwürfigen Drillhunde, sondern Tiere, die ihre Würde und ihre Wesenseigenheiten behalten und mit Freude bei der Sache sind.

Diese Freude spüre ich immer wieder, wenn wir gemeinsam unterwegs sind. Patja liebt es neue Wege kennenzulernen oder ein uns noch unbekanntes Gebäude zu erforschen. Trotz aller Neugierde bleibt sie dabei aber immer konzentriert und verläßlich.

Was leistet mein Führhund nun konkret?
Patja führt mich auf jedem Weg sicher geradeaus, weicht dabei leicht zu umgehenden Hindernissen selbständig aus, wobei sie sich nicht nur auf solche beschränkt, die sich am Boden befinden. Auch Briefkästen, offene Fenster oder herausgespreizte Auslagenscheiben werden von ihr wahrgenommen und umgangen. Seit ich Patja habe, gibt es keine Beulen mehr! Vor Hindernissen, die unseren Weg blockieren, seien es nun am Boden liegende Planken, am Gehsteig parkende Autos oder Baustellenabsperrungen, bleibt sie stehen und ich versuche mir Klarheit über die Situation zu verschaffen, um ihr anzusagen, ob wir über dieses Hindernis steigen oder z. B. die Straßenseite wechseln sollen. Ich kann ihr aber auch die Anweisung geben, selbständig einen Weg zu finden und sie muß dann selbst entscheiden, ob wir das Hindernis übersteigen können oder umgehen müssen. Personen werden von Patja nicht als Hindernis betrachtet und sie erwartet, daß Entgegenkommende uns ausweichen - es sei denn, sie schieben einen Kinderwagen. Da wir als Gespann recht auffällig sind, geschieht das auch in fast allen Fällen. Weiters sucht sie auf meine Anweisung hin Möglichkeiten nach rechts oder links abzubiegen, Zebrastreifen, Treppen, Haus- oder Geschäftseingänge bzw. innerhalb eines Gebäudes den Ausgang; Ein- und Ausstieg von Straßenbahn, Bus oder Zug sowie Sitzplätze in diesen Verkehrsmitteln. Beim Straßenüberqueren arbeiten wir zusammen. Patja führt mich an den Zebrastreifen. Ein Führhund schaut nicht auf die Ampel, und zwar nicht wegen der möglichen, aber noch immer nicht sicher nachgewiesenen Farbenblindheit, sondern weil Ampeln zu hoch und damit zu weit außerhalb des natürlichen Sichtbereiches des Hundes liegen. So beobachten wir gemeinsam den Verkehr und wenn ich den Eindruck habe, daß wir überqueren können, gebe ich das entsprechende Hörzeichen. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie wichtig es ist, daß der Hund seinen Eigenwillen behält und daß ich mich auch auf Patjas Ungehorsam verlassen kann, nämlich dann, wenn ich ein leise heranrollendes Auto oder ein Fahrrad überhört habe. Patja führt dann meine Anweisung nicht aus und bleibt so lange stehen, bis sie selbst den Eindruck hat, daß wir sicher über die Straße kommen. Dann führt sie mich rasch und gerade auf die andere Seite.

Für all diese Leistungen möchte Patja mit viel Lob und Anerkennung belohnt werden und ich fühle ihren Stolz, wenn sie eine schwierige Situation gemeistert hat. Im Laufe der Zeit sind ihr die Wege, die wir oft gemeinsam gehen, so vertraut geworden, daß sie kaum Anweisungen von mir benötigt, um mich ans Ziel zu bringen. Einige zusätzliche Hilfen für mich haben sich aus Patjas Vorlieben entwickelt. Die allergrößte ist Fressen; und so zeigt sie mir verläßlich jeden Eis-, Würstel- oder Maronistand an. Sie hat auch bald entdeckt, daß uns ein Aufzug das Stiegensteigen erspart und führt mich nun, auch in unbekannten Gebäuden, immer zur Aufzugtür.

Wie jeder arbeitende Mensch braucht auch ein arbeitender Hund Erholung, besonders da er während der Führarbeit auf das Schnüffeln an Hausecken oder Bäumen verzichten muß und andere Hunde ignorieren soll. Deshalb muß zwischen Arbeitszeit und Freizeit genau getrennt werden. Dazu dient das Führgeschirr, das eine steife Verbindung zwischen mir und meinem Hund bildet, sodaß ich jede Richtungsänderung sofort spüre, um mich ihr anzupassen, und dessen zweite Funktion darin besteht, dem Hund das Signal für den Beginn seiner Arbeit zu geben. Wenn ich Patja das Führgeschirr abnehme, signalisiert ihr das, daß sie nun frei hat und ganz Hund sein darf. Frei laufen, mit anderen Hunden spielen und sich richtig austoben, sich genüßlich in der Wiese wälzen und mir Holzprügel (je größer, umso lieber) zum Werfen bringen - das alles ist sehr wichtig für einen Hund, der in Vorlesungen und Seminaren an der Uni ganz selbstverständlich stundenlang ruhig neben mir liegt, und sollte wenigstens einmal am Tag möglich sein. Auch wenn wir lange kreuz und quer durch die Stadt laufen, gönnen wir uns gern eine Verschnaufpause im Stadtpark. Ganz besonders lieben wir Wanderungen mit Eltern oder Freunden, wo Patja praktisch durchgehend frei laufen kann und wir Bewegung und frische Luft in einer neuen Umgebung gleichermaßen genießen. Ich habe immer allergrößte Mühe vor Antritt eines solchen Ausflugs meine Wanderschuhe zuzubinden, denn Patja weiß, was das bedeutet, und zeigt mir ihre Freude, sobald ich mich bücke, mit vielen nassen Küssen.

Wie in jeder guten Partnerschaft gibt es auch in der unseren zwischendurch Meinungsverschiedenheiten, z. B. in der Frage, für wen das Wurstbrot, das ich vor wenigen Minuten allein gelassen habe, um das Telefon abzuheben und das jetzt spurlos verschwunden ist, eigentlich gedacht war. Aus solchen Vorfällen lernen wir beide: ich auf alles Eß(Freß)bare gut aufzupassen, Patja sich nicht erwischen zu lassen. Auch was die Wahl des Parfüms anlangt haben wir unterschiedliche Auffassungen. Patja hat eine starke Vorliebe für das Naturbelassene - morastige Tümpel und frischgedüngte Felder. Wenn dann ein Wesen auf mich zukommt, das einem Erdferkel wesentlich mehr ähnelt als einem Hund, gibt es eine ernste Rüge. Allerdings fällt es mir schwer wirklich böse zu sein, wenn ich spüre, wie offensichtlich glücklich und zufrieden Patja ist. Das ändert sich allerdings schnell, sobald ich nach einer solchen "Verschönerungskur" die Badewanne einlasse. Mit hängendem Kopf, eingezogenem Schwanz und Leidensmiene erträgt sie dann ihr "grausames Schicksal". Derartige, mitunter ärgerliche, Zwischenfälle, an die man später aber gern schmunzelnd zurückdenkt, erlebt wohl jeder Hundebesitzer. Man verzeiht sie leicht und gern, wie man einem Kind seine Streiche verzeiht; und ebenso wie ein Kind sehnt sich ein Hund gerade dann, wenn er etwas angestellt hat (und er weiß immer genau, daß er etwas angestellt hat), ganz besonders nach der Bestätigung dafür, daß er so wie er ist geliebt wird. Schließlich hat man ja Charakter und eine wahre Persönlichkeit kann auch Schwächen zeigen!

Zu Patjas Stärken zählt ihre fast unerschütterliche Ruhe und Gleichmut in der Führarbeit - der bestmögliche Ausgleich meiner Tendenz zur Nervosität und meiner manchmal an Panik grenzenden Angst vor extremem Lärm (Baumaschinen, Lastkraftwagen u. ä.). In der Nähe eines dröhnenden Preßlufthammers verliere ich praktisch jede Orientierung. Patja ist dann ganz auf sich gestellt und sucht, völlig unbeeindruckt von dem Getöse, den besten Weg für uns. Gerade in solchen Situationen bin ich zutiefst dankbar dafür, mich ihr anvertrauen zu können. Aufgrund eines dummen und verantwortungslosen "Scherzes" - ein Knallfrosch wurde ihr direkt vor die Nase geworfen - hat Patja seit einigen Jahren allerdings panische Angst vor allen schußähnlichen Geräuschen und vor Donner. Und so verwandelt sich mein sonst so gelassener Hund zu Silvester oder bei Gewitter in ein zitterndes, schutzsuchendes Häufchen Angst. Ich bedaure noch jetzt, daß ich den Knallfroschwerfer nicht erwischt habe; ich hätte ihm zu gern eine "geknallt"!

Patja ist ein ausgesprochener Morgenmuffel - eine für einen Hund eher außergewöhnliche Eigenschaft. Möchte ich das Haus vor acht Uhr früh verlassen, muß ich sie, so knapp wie nur möglich vor unserem Aufbruch, ganz liebevoll und behutsam aufwecken und ein Weilchen kraulen, bis sie sich doch zum Aufstehen überreden läßt. Aber auch dann zeigt sie mir sehr deutlich, daß sie als Zumutung empfindet, was ich da von ihr verlange. Ähnlich kann es mir ergehen, wenn ich am späteren Abend auf die Idee komme, noch einmal hinauszugehen, um uns ein nächtliches Aufstehen zu ersparen. Ein Hund braucht eben viel Schlaf und ein berufstätiger erst recht!

Hektik und Streß lehnt Patja strikt ab. Je mehr ich sie dränge schneller zu gehen, desto langsamer wird sie. Mittlerweile trägt ihre Erziehung bei mir Früchte: Es lohnt sich einfach nicht, sich wegen ein paar gewonnener Minuten unter Druck zu setzen. Wir würden beide darunter leiden und wären in unserer Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt.

Es gibt viele Situationen, in denen ich von meinem Hund lerne. Wenn ich beobachte, wie ein Flecken Schnee, in dem Patja sich wälzt, vollkommenes Glück bedeuten kann oder wie ein Baumstamm voller aufregender Gerüche zum Nabel der Welt wird, wie Patja jeden Augenblick ganz intensiv lebt, wird mir immer wieder klar, wie leicht ich mich in sinnlosen Kompliziertheiten verzettle und daß Schönheit und Würde meist in den kleinen und einfachen Dingen des Lebens liegen. Wenn Patja voller Vertrauen darauf, daß die Welt aus lauter Freunden besteht, freudig auf jeden zugeht, wird ihr Vertrauen praktisch immer bestätigt und sie bekommt das, was sie so überschwenglich allen gibt, immer wieder zurück - Liebe!

Nach mittlerweile sechsjährigem Zusammenleben kennen wir einander wirklich gut und nehmen auch die Stimmungslage des anderen genau wahr. Patja kann mit ihrer ausgelassenen Freude wirklich anstecken, hat aber auch Tage, an denen sie "nicht gut drauf" ist. Ein tiefer Seufzer von ihr sagt mir dann ganz deutlich: "Du gehst mir so auf die Nerven." Sie reagiert aber auch sehr sensibel auf meine Gemütsverfassung, will sofort begeistert mitmachen, wenn mich der Übermut packt, schleppt alle ihre Spielsachen an, stupst mich und schleckt mich ab, wenn ich niedergeschlagen bin ("Sei doch wieder fröhlich!") und kuschelt sich ganz fest an mich, wenn nichts anderes mehr hilft und das weiche Hundefell mein letzter Zufluchtsort wird.

Diese tiefe Beziehung zu meinem Führhund bedeutet für mich ein Geschenk und eine wahre Bereicherung meines Lebens. Die Partnerschaft mit dem Tier, das Teilen aller Lebensbereiche und die Möglichkeit echter Unabhängigkeit ohne Vereinsamung machen den großen Wert des Führhundes, der über den einer reinen Mobilitätshilfe weit hinausgeht, für den blinden Menschen aus.

Ganz nebenbei erfüllt der Blindenführhund auch eine soziale Funktion. Beim ersten Kontakt mit Sehenden hilft es meinem Gegenüber ebenso wie mir die Unsicherheitsschranke zu überwinden, wenn wir über Patja sprechen. Indem sie sich auf das neutrale Thema "Hund" beziehen können, wagen es viele Menschen, die ansonsten zu befangen wären, eher ein Gespräch mit mir anzuknüpfen. Und so kommt Patja das große Verdienst zu die erste Begegnung zwischen mir und meinem nunmehrigen Lebenspartner "vermittelt" zu haben. Besondere Freude macht mir auch, daß sich häufig Kontakte mit Kindern ergeben. Die erfrischende Natürlichkeit und Direktheit, mit der sie auf uns reagieren und Fragen stellen, ist eine echte Wohltat in einer sonst meist verklemmten Umwelt. Ebenso wohltuend empfinde ich es, daß ich, wenn ich mit Patja unterwegs bin, die Vorübergehenden nicht mehr "Schau, die Arme!", sondern "Schau, was für ein lieber Hund!" sagen höre. Deshalb fühle ich mich nackt und von vielen neugierigen Blicken begleitet, wenn ich mich, was glücklicherweise kaum vorkommt, einmal ohne Hund auf den Weg machen muß. Patja ist sich ihrer Popularität übrigens durchaus bewußt und genießt sie auch sehr.

Zu den mir am häufigsten gestellten Fragen zählt die, ob ich durch den Hund nicht stark ortsgebunden und in meiner Möglichkeit zu reisen eingeschränkt wäre. Drei Reisen in die USA, die wir gemeinsam, ohne sehende Begleitperson, unternommen haben, geben darauf wohl eine klare Antwort. Ohne Patja hätte ich ein solches Unternehmen wohl kaum gewagt und es steigerte mein Erlebnis dieser Reisen und mein Selbstbewußtsein beträchtlich, daß ich nicht ständig an meinen in San Francisco lebenden Freunden klebte, sondern auch selbständig die Umgebung erforschen konnte. Abgesehen von einem deutschen Flugkapitän, der sich, trotz vorhergegangener Zusicherung der Fluggesellschaft, weigerte Patja in den Fahrgastraum der Maschine zu nehmen und auch jedes Gespräch mit mir ablehnte (ich nahm daraufhin einen anderen Flug), verliefen alle diese Reisen und noch einige andere Urlaube mit Patja ohne größere Schwierigkeiten. Daran läßt sich bereits ersehen, daß mögliche Probleme kaum jemals wirklich durch den Hund verursacht werden, sondern meist durch unverständige Menschen, die nicht über eingefahrene Schemata hinaus denken wollen.

Wie kommt es nun, daß, trotz vieler positiver Aspekte, im Vergleich zum Ausland so wenige österreichische Blinde und Sehbehinderte einen Führhund haben? Es liegt durchaus nicht daran, daß die Österreicher an sich weniger für Führhunde übrig haben. Ein Grund ist sicher, daß das Führhundewesen von den österreichischen Selbsthilfeorganisationen der Blinden stark vernachlässigt wurde. Weiters wird in den Schulen für Blinde und Sehbehinderte keinerlei objektive Informationsarbeit geleistet. Eine Mobilitätshilfe - insbesondere einen Führhund - zu verwenden wird vielfach immer noch als ein Zeichen von Unselbständigkeit hingestellt, was ich, angesichts der immer schwieriger und besonders für Sehgeschädigte immer gefährlicher werdenden Verkehrssituation, als verantwortungslos erachte. Sicherlich ist ein Führhund nicht für jeden Blinden die geeignete Hilfe. Gerade deshalb sollten junge Menschen frühzeitig über alle Vor- und Nachteile der zur Verfügung stehenden Mobilitätshilfen informiert werden, um nach ihrem Schulabgang aufgrund ihrer persönlichen Neigungen und ihrer Lebens- bzw. Berufssituation die für sie beste Lösung selbst zu finden.

Die Hauptursache für die Seltenheit von Führhunden ist jedoch wahrscheinlich, daß es bis vor wenigen Jahren keine geregelte Führhundeausbildung in Österreich gab. Nun besteht jedoch in Kapfenberg die Österreichische Schule für Blindenführhunde. Das große Interesse an Hunden aus dieser Schule, das sich schon nach relativ kurzer Zeit ihres Bestehens entwickelte, zeigt, daß der Bedarf an gut ausgebildeten Führhunden durchaus gegeben ist. Allerdings gibt es Kreise in jenen Institutionen, die beauftragt sind, Behinderte bei der Bewältigung ihrer Lebensprobleme - vor allem finanziell - zu unterstützen, die sich anmaßen über die Köpfe Blinder hinweg zu entscheiden, welche Mobilitätshilfen diese in Anspruch nehmen sollen und die den Bewerbern um einen österreichischen Führhund größtmögliche Hindernisse in den Weg legen.

Hinter alldem steht eine noch immer weit verbreitete Grundhaltung, die dem Behinderten das Recht und die Fähigkeit aberkennt selbst über sein Leben zu bestimmen. Die größtmögliche Unabhängigkeit, die für die meisten Behinderten zu den wesentlichsten Zielen zählt, konnte ich in meiner konkreten Situation mit Hilfe meiner Patja erlangen. Je offener unsere Gesellschaft für die tatsächlichen Bedürfnisse Behinderter wird, umso mehr Menschen können ihren ganz individuellen Weg zur Unabhängigkeit finden.

Barbara Levc

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Erstellt am Fr, 16.02.01, 08:01:19 Uhr.
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