Tagebuch-Übersicht / Xyba Teil 1 /

Xyba
Tagebuch einer neuen Beziehung

Vorwort

Im Februar 2003 musste meine damalige Führhündin Norka im Alter von 13 Jahren eingeschläfert werden.

Da ich Alleinerzieherin bin, mein Sohn Gabriel damals erst vier Jahre alt war und ich neben Mutterrolle und Beruf auch noch mein Pädagogikstudium abschließen wollte, entschied ich mich, vorläufig keinen neuen Führhund zu nehmen. Die Eingewöhnung mit einem neuen Führhund braucht Zeit und Ruhe, ein junger Führhund will gefordert werden und in jedem Fall muss auch genug Freiraum für Spaziergänge mit Freilauf und Spiel da sein. Dies wäre in meinem damaligen Alltag mit meinen anderen Aufgaben nicht vereinbar gewesen und so beschloss ich im Einvernehmen mit der Führhundeschule zuzuwarten, bis ich den Eindruck habe, dass ich den Bedürfnissen eines Hundes wieder gerecht werden kann.

Im Frühjahr 2005 hatte ich mein Studium dann abgeschlossen und Gabriel - inzwischen sieben Jahre alt - wird selbständiger und unabhängiger (manchmal schneller als mir lieb ist). So schien mir die Zeit reif, mich wieder um einen Führhund - meinen dritten - zu bewerben.

Nun möchte ich in Form eines Tagebuchs beschreiben, wie ich mich auf meinen neuen Führhund vorbereite, wie ich ihn kennenlerne, wir die Zusammenschulung machen, und wie sich unsere Beziehung entwickelt.
August 2005

Die Entscheidung ist gefallen. Ich bin bereit für einen neuen Führhund.

Ich treffe mich mit Peter von "meiner" Führhundeschule, aus der ich schon zwei wunderbare Labradorhündinnen bekommen habe. Wir besprechen, welche Eigenschaften mein zukünftiger Hund haben sollte. Nach zwei Hündinnen fände ich es interessant, einen Rüden zu haben. Peter meint aber, dass eine Hündin besser zu mir passt. Wir kennen einander schon lange. Peter hat meine letzte Hündin ausgebildet und uns elf Jahre lang betreut. Ich vertraue daher seiner Einschätzung und im Grunde genommen ist das für mich kein wichtiger Punkt. Wichtig ist für mich dagegen, dass mein zukünftiger Hund mit Kindern vertraut ist, z. B. in einer Patenfamilie mit Kindern aufgewachsen ist. Nicht dass ich bei einem Labrador ernsthaft befürchten müsste, dass er Kinder ablehnen könnte, aber es ist sicher gut, wenn der Hund daran gewöhnt ist, dass es manchmal etwas lauter und trubeliger zugehen kann. Auch das Gehtempo des Hundes hat eine gewisse Bedeutung. Es ist vom Temperament eines Hundes abhängig, wie schnell er beim Führen läuft und die geführte Person passt sich weitgehend diesem Tempo an. Kleine Korrekturen sind zwar möglich, aber man kann aus einem gemächlichen Geher keinen Sprinter machen und umgekehrt. Für mich wäre ein mittleres Gehtempo am angenehmsten. Ich gehe gern zügig, muss aber dabei - wenn wir gemeinsam unterwegs sind - auf Gabriel achten können bzw. sollte er mit uns Schritt halten können.

Peter füllt mit mir den Bewerbungsbogen aus. Darin wird z. B. gefragt, wie weit eine Freilaufmöglichkeit für den Hund von meiner Wohnung und von meinem Arbeitsplatz entfernt ist. Auch fragen zu meiner Mobilität werden gestellt: ob ich ein Orientierungs- und Mobilitätstraining absolviert habe, in welchem Bereich ich normalerweise selbständig unterwegs bin usw. Schließlich legen wir noch fest, dass ich etwa ab November - wsobald ein zu mir passender Hund seine Ausbildung abgeschlossen hat - bereit für die Zusammenschulung bin.

Das Warten beginnt.
September 2005

"Wann kommt jetzt endlich unser Hund?" fragt Gabriel mich immer wieder. Ich habe noch keine Nachricht von der Führhundeschule, weiß also auch keinen Zeitpunkt. Es heißt Geduld haben. Manchmal frage ich mich, ob ich mich wieder auf einen Hund als Familienmitglied einstellen werde können. Habe ich vielleicht zu lange ohne Hund gelebt und mich zu sehr daran gewöhnt? Schließlich muss ich meinen Tagesablauf und unsere Freizeit- und Urlaubspläne auch an den Bedürfnissen des Hundes ausrichten. Und wie wird Gabriel auf das neue Familienmitglied reagieren? Im Moment freut er sich natürlich sehr, aber er hat wohl nur noch wenig Erinnerung daran, wie es ist mit einem Hund zu leben und hat sich vielleicht schon zu sehr daran gewöhnt, dass Mama ihm ganz allein gehört.

Aber solche Zweifel befallen mich immer nur kurze Zeit. Vor allem nütze ich die Wartezeit, um mich zu informieren, wie ich die Kostenübernahme durch öffentliche Stellen beantragen muss. Das Verfahren hat sich - seit ich meinen letzten Antrag vor 15 Jahren gestellt habe - stark verändert. Es ist vor allem komplizierter geworden.
Oktober 2005

Anruf von Peter: Die Führhundeschule hat entschieden, welchen Hund ich bekommen werde. Mein zukünftiger Führhund ist eine schwarze Labradorhündin namens Xyba. Sie ist gerade in der Endphase ihrer Ausbildung und sollte etwa Anfang Dezember fertig sein. Da Peter mich lange und gut kennt hat er sich Xyba beim Training angesehen und meint, dass sie sehr gut zu mir passen wird. Xyba wird von einer Trainerin ausgebildet, die sich selbst in der Ausbildung zur Führhundetrainerin befindet. Sie wird von einem erfahrenen Trainer betreut. Das bedeutet, dass meine Zusammenschulung mit Xyba von beiden betreut werden wird.

Es wäre gut, wenn ich für den ersten Teil der Zusammenschulung für eine knappe Woche in die Führhundeschule - das heißt in meinem Fall in die Schweiz - kommen könnte. Gerade in der Anfangsphase ist es wichtig, dass man sich voll und ganz auf den Hund einlassen kann und nicht durch Alltagsanforderungen in Anspruch genommen wird. Der zweite Teil der Zusammenschulung findet dann bei mir in Graz statt.

Nun kann ich mir meinen Hund also ganz konkret vorstellen und ab diesem Zeitpunkt sind alle Zweifel wie weggeblasen. Xyba ist mein Hund!
November 2005

Ich habe bereits zweimal von Xyba geträumt, dass ich sie rufe und sie freudig auf mich zugelaufen kommt. Tagsüber mache ich mir Gedanken darüber, wann ein guter Zeitpunkt für die Zusammenschulung wäre und wie ich während der Zeit, in der ich in der Schweiz bin, die Betreuung für Gabriel organisieren kann. In der Vorweihnachtszeit würde ich nicht gern wegfahren. Ideal wäre ein Zeitpunkt gleich Anfang Jänner, noch während der Weihnachtsferien, denn da ist bereits geplant, dass Gabriel mit den Großeltern Schi fahren geht. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass auch Führhundetrainer zu dieser Zeit Ferien machen wollen.

Mitte November ruft mich Roland, der Trainer, der die Aufsicht über Xybas Ausbildung hat, an. Er beschreibt mir Xyba als eher sensiblen Hund, der sehr große Freude am Arbeiten und an jeder Anerkennung hat. Roland deutet an, dass es Xyba anfangs vielleicht schwer fallen könnte sich von ihrer Trainerin auf mich umzustellen. Ich denke, dass die Erfahrungen, die ich mit meinen beiden Führhündinnen gesammelt habe, mir sicher helfen werden, damit umzugehen. Ich habe großes Vertrauen, dass wir das gemeinsam schaffen werden.

Dann kommt das Gespräch auf den Termin für die Zusammenschulung und zu meiner großen Freude ist mein Wunschtermin auch für die Trainer genau passend. Ich werde also in der ersten Jännerwoche mit der Zusammenschulung in der Schweiz beginnen.

Kurze Zeit nach diesem Gespräch bekomme ich von einem Kostenträger eine mündliche Zusage, dass eine Finanzierung des Hundes möglich ist, wenn er alle in Österreich geforderten Voraussetzungen erbringt.

Life is going my way!

Ein früher Wintereinbruch bringt bereits Ende November Schnee und damit eines der unangenehmsten Hindernisse für blinde Menschen: Die sogenannten "Schneestangen" sind Holzlatten unterschiedlicher Länge, manchmal auch rostige Eisenstangen, die schräg an Hauswände gelehnt werden, um vor Dachlawinen zu warnen. Geht man nun mit dem Langstock einen Gehsteig entlang, kann man mit dem Stock leicht unter einer solchen Stange hindurchfahren und bemerkt das Hindernis erst, wenn man schmerzhaft - häufig mit dem Kopf bzw. Gesicht - dagegen stößt. Ich versuche das Übel gering zu halten, indem ich möglichst an der Gehsteigkante entlang gehe, aber einmal treffe ich eine Stange voll mit der Stirn. Der Gedanke, dass mir so etwas ab Jänner wieder erspart bleiben wird, weil mein Hund diese Höhenhindernisse beachtet und anzeigen bzw. umgehen wird, lindert zwar nicht den physischen Schmerz, aber immerhin den Frust über diese unsinnige Erschwernis, für die es doch sicher eine Alternative gäbe, wenn man nur wollte.
Dezember 2005

Es herrscht reger Telefon- und E-mailverkehr zwischen der Führhundeschule und mir und jeder einzelne Kontakt versetzt mich in Hochstimmung.

Zunächst ruft mich Jenny, Xybas Trainerin, an und berichtet mir, dass Xyba die Prüfung am Ende ihrer Ausbildung bestens bestanden hat und somit unserer Zusammenschulung nichts mehr im Wege steht.

Die Flugtickets für meinen Flug sind bereit. Ich werde am Abend des 1.1. von Graz nach Zürich fliegen. Dort wird Jenny mich abholen und nach Allschwil, bei Basel bringen, wo die Führhundeschule ihren Sitz hat. Am 2.1. beginnt die Zusammenschulung. Am Dreikönigstag fliegen Jenny, Roland, Xyba und ich dann nach Graz und es geht hier weiter.

Mein Hometrainer wird aus seinem traurigen Dasein als Kleiderständer wieder seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt, denn ich werde sehr viel gehen in der Zusammenschulungszeit und es kann nicht schaden vorher ein wenig mehr Kondition aufzubauen. Kurz vor Weihnachten steht dann wieder ein Sack mit 15 kg Hundefutter in meiner Speisekammer. Gabriel kauft von seinem Taschengeld ein Begrüßungsgeschenk für Xyba und natürlich muss auch eine neue kuschelige Decke für den Hundekorb her.

Als das Weihnachtsfest vorbei ist und weniger als eine Woche Zeit bis zu meiner Abreise bleibt, mischt sich in meine Vorfreude zunehmende Anspannung. Ich übernehme die Verantwortung für Xyba. Werde ich ihr gerecht werden können? Werde ich Kinderbedürfnisse und Hundebedürfnisse auch angesichts zunehmender beruflicher Herausforderungen immer so befriedigen können, dass niemand zu kurz kommt?

Auf einem Spaziergang erzähle ich Gabriel, was sich wahrscheinlich in unserem Leben verändern wird, wenn Xyba bei uns ist. Von der Führhundeschule gibt es ein Kinderbuch - auch in Blindenschrift -, in dem in einer hübschen Geschichte der Werdegang eines jungen Blindenführhundes erzählt wird. Dieses Buch lese ich Gabriel als Gute-Nacht-Geschichte vor. Wir holen gemeinsam den Hundekorb, die Futterschüssel und die Hundepfoten-Handtücher aus dem Keller. Der Korb mit der neuen Decke und dem neuen Spielzeug steht wieder an seinem alten Platz. Alles ist bereit für unsere Xyba.

Barbara Levc

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© 2006 by Barbara Levc
Erstellt am Do, 19.01.06, 11:50:19 Uhr.
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