Barfuß /

Barfuß

Ich laufe gern barfuß.

Auf den Geschmack kam ich vor Jahren, als Förster Moos eine Waldführung machte. Gleich zu Anfang, es war kaum Mai, forderte er uns auf, die Schuhe auszuziehen. Ich hörte meine Mutter schrillen: "Kind, du kriegst es an die Blaaaaaaase!". Freudigtrotzig zog ich Schuh und Strümpfe aus. Es war kalt da unten. Aber als wir anfingen zu laufen, wurden die Füße wärmer und wärmer. Ich spürte die warmen Sonnenflecken auf dem Weg, erinnerte mich an meine Kinderzeit in der Schweiz, wo all meine Cousins und Cousinen (zehn Stück!!) barfuß liefen. Ich eierte damals, weh vor mich hin quietschend, über Kieswege, um auch an den Eiswagen zu kommen. Ich Stadtkind, ich. Und dann die NACKTSCHNECKEN! Riesige, fleischige, rote Dinger. Was hab ich mich geekelt! Einmal bin ich reingetreten und gab meinen Fuß zur Amputation frei.

Hier bei Förster Moos gab es auch Nacktschnecken, aber nicht solche Mutanten wie in der Kinderzeit. Kleine Steine überlief ich leicht. Der Gang eines Barfüßers ist anders. Der beschuhte Mensch tritt mit der Ferse auf und rollt dann ab. Der Barfüßer setzt den Fuß mit der Spitze auf, balanciert, tariert auch mit den Armen, und rollt dann ab. Dabei bewegt sich das Becken, die Wirbelsäule, alle Muskeln die daran hängen.

Der Fuß ist eine sehr filigrane Angelegenheit und nicht für ebene asphaltierte Böden konzipiert. Durch das eintönige Gehen leiern Sehnen und Bänder aus, verändern sich Knöchelchen und der Mensch "braucht" Einlagen. Seit ich barfuß gehe, wenn sich die Gelegenheit auf unebenem Boden bietet, habe ich kaum noch Rückenschmerzen und wehe Füße erst recht nicht mehr. Alle Knochen und Muskeln werden gut bewegt und die Blutzirkulation angeregt. Noch bis spät in die Nacht habe ich heiße Füße.

Böse Zungen behaupten, ich müsse regelmäßig beschlagen werden, aber dem ist nicht so. Auch wenn sich die Füße am äußersten Ende des Menschen befinden und in Schuhen versteckt werden, so sollten sie gepflegt werden. Sie sind das Fundament auf dem wir stehen! So, nun genug aus dem Nähkästchen einer Bandagistin geplaudert... das war ich nämlich mal von Beruf.

Das Barfußlaufen ermöglicht mir einen viel sinnlicheren Eindruck meines Wegs. Nicht nur Hören und Riechen. Ich spüre die Sonne, den kühlen festen Boden. Die weichen Kleinteile spült der Regen immer an den Rand des Wegs. Die Steine "wachsen" so mit der Zeit aus dem Boden. Pfützen sind keine Hindernisse mehr. Je nachdem wie tief sie sind, ist das Wasser warm oder kalt. Tannennadeln sind weich und der Schritt wird lautlos. Blätter knistern leise und sind etwas ledrig.Rollsplitt kostet Überwindung, aber die Arme wie beim Seiltanzen ausgebreitet, schafft man auch das. Über Asphalt renne ich, denn er ist mittags die Hölle, Gras am Morgen eine Lust.

Oktober war der späteste Termin, an dem ich mal Schuh und Strümpfe auszog. Die Sonne schien noch warm, ich bohrte die Füße in den sandigen, weichen Boden eines Maisfelds bei Bremen. Das Gras im Schatten schnitt mir vor Kälte in die Sohlen. Dann etwas völlig Fremdes: Auf einem Feldweg zwischen Gras, hatte ich plötzlich etwas rundliches unter den Sohlen, das sich ledrig anfühlte. Ich stand steif da, konnte das nicht zuordnen und ekelte mich mal prophylaktisch, bis mein Blick auf eine Kastanie fiel. Ich stand auf alten Kastanienschalen, deren Stacheln zum Glück schon plattgefahren waren von Treckern.

Noch nie habe ich mich bei meinen Nackt-Wanderungen verletzt. Meine beschuhten Mitläufer sind meist in heller Aufregung und stören meinen Genuß durch lautstarke Ermahnungen. Oftmals habe ich den Eindruck von besorgten Müttern, männlich wie weiblich, umgeben zu sein. Zu ihrer Beruhigung habe ich Verbandszeug und Schuhe dabei. Rufe wie "Frau Kaltfuß, Frau Barfuß, Frau Nacktfuß" sind die anderen Varianten des Spannungsabbaus.

Ich werde weiterhin all meine Sinne nutzen und das Laufen genießen. Den Boden mit den Füßen abscannen, das hat was!

Nur einmal habe ich mich verletzt. Bei mir daheim! Barfuß ging ich über meinen Teppich und trat auf den Fellpo einer Hummel, die wohl zu fett oder faul war zum Fliegen.

Ich nahm mir eine Aus-Zeit und gönnte mir eine lange Lesepause. Mein geschwollenes Alibi legte ich auf die Balkonbrüstung.

Es grüßt herzlich

Ulrike Geilfus, bekennende Barfüßerin

Twittern

© 2005 by Ulrike Geilfus
Erstellt am So, 24.10.10, 07:46:09 Uhr.
URL: http://