Gestik und Mimik /

Gestik und Mimik

Mein Gesicht macht was es will, und ich weiß nicht einmal was!

"Warum lächelst Du?" fragt mein Gegenüber. Ich habe gelächelt? Ja, warum eigentlich? Weil meinem Gesicht offenbar nach Lächeln war. Mir war es jedoch nicht bewusst. Manchmal weiß ich, dass ich lächle, meistens aber habe ich keine Ahnung, was sich in meinem Gesicht abspielt.

Was verändert sich eigentlich, wenn man lächelt? Wie sieht Jemand aus, der traurig ist? Was ist der Unterschied zwischen Schmunzeln und Lächeln? Wann zwinkert Jemand, und so ergeben sich für mich Fragen über Fragen. Das ist eine unbekannte Welt, die mir wohl immer verborgen bleiben wird.

Es macht einen blinden Menschen auch selten Jemand darauf aufmerksam, wie er dreinschaut. Leider!

"Ich habe mich nicht getraut, Dich anzusprechen. Du hast so böse geschaut", hat mir schon manch einer gesagt. Wenn ich dann nachfrage, wo das war, stellt sich zumeist heraus, dass es sich um Situationen handelte, in denen ich mich sehr intensiv auf das Verkehrsgeschehen konzentrieren musste. Zum Beispiel, wenn ich an einer Ampel stehe und darauf warte, dass es grün wird. Es wäre leichter, wenn sich mein Gesicht dazu entschließen könnte, freundlich dreinzuschauen, dann würden sich vielleicht doch mehr Menschen getrauen, mich anzusprechen. Ich bin schließlich nicht böse, sondern nur sehr konzentriert. Aber, wie gesagt, es macht, was es will.

Viele mögen nun meinen, man versäumt sehr viel, wenn man Mimik nicht wahrnehmen kann. Mag sein, dass mir sehr viel entgeht. Wieviel jedoch vermag ich nicht zu beurteilen, da mir der Vergleich fehlt. Aber um zu wissen, wie es einem Anderen geht, ob er sich freut, wohlfühlt oder lächelt, dazu brauche ich sein Gesicht nicht zu sehen, das spüre ich. Wobei das nichts mit meiner Blindheit zu tun hat, man spürt es ganz einfach, oder eben nicht.

Ähnlich verhält es sich mit Gesten. Ich finde es immer sehr amüsant, wenn ein sehender Mensch neben mir ständig gestikuliert. Sein ganzer Körper scheint in Bewegung zu sein, was ja manchmal direkt in Gymnastik ausartet. Ich kenne keinen geburtsblinden Menschen, der Gesprochenes mit Gesten verstärkt. Auch da habe ich keine Ahnung, wie man was ausdrückt. Wobei, das ließe sich eventuell noch lernen. Mimik ist angeboren, Gesten eignet man sich an, glaube ich.

Mitunter wäre es allerdings sehr praktisch, sich mit eindeutigen Handbewegungen verständlich machen zu können. Das denke ich mir immer wieder, wenn ich eine Straße überqueren möchte und ein Auto kommt. Der Fahrer hält an und wartet, ich warte auch. Um die Situation besser einschätzen zu können, wäre mir manchmal lieber, er würde weiterfahren, denn das Motorengeräusch überdeckt viele andere Geräusche. Aber, wie sage ich ihm das bloß? Schaut er mich überhaupt an? Und so warten wir beide, bis es einem von uns zu lange dauert.

Was sicher zu vielen Missverständnissen führt, ist die Körperhaltung blinder Menschen. Oft drückt sie Ablehnung aus, was der Blinde aber keineswegs beabsichtigt und was ihm auch nicht bewusst ist. Da sind zum Einen die Blindismen (Augenbohren, Wackeln, Kopfdrehen), die sich viele blinde Kinder aus Langeweile angeeignet haben und nie mehr loswerden. Viele tun das auch in Gesellschaft und wissen gar nicht, wie ungewöhnlich sie damit auf sehende Mitmenschen wirken. Andere wiederum drehen einem beim Sprechen das Ohr und nicht das Gesicht zu, oder sogar den Rücken, ohne dass ihnen klar ist, wie ablehnend das wirkt. Die meisten geburtsblinden Menschen haben nie darüber nachgedacht, wie ihre Körperhaltung wirkt. Ihnen ist auch nicht bewusst, wieviel man dadurch ausdrücken kann und wie negativ sich manche Haltung auf das Gegenüber auswirkt. Es macht einen ja auch kaum Jemand darauf aufmerksam. Eigentlich ist das die Aufgabe der Blindenschulen, Kinder in diese Sprache einzuführen, damit Integration funktioniert. Zu meiner Schulzeit war das überhaupt kein Thema. Ich stelle aber auch heute bedauerlicherweise trotz Frühförderung immer wieder fest, dass blinde Menschen nachwievor Verhaltensweisen haben, die sie sehr negativ auf ihr Gegenüber wirken lassen. Wer macht sich denn schon Gedanken darüber, weshalb sein Gegenüber so abweisend wirkt? Wackelnde, kopfdrehende Blinde stempelt man leicht als mehrfachbehindert ab. Dass das dem Blinden oft gar nicht bewusst ist, wird nur denen klar, die häufig mit blinden Menschen zu tun haben.

Petra Raissakis

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© 2000 by Petra Raissakis, Graz
Erstellt am Mo, 30.10.00, 08:01:19 Uhr.
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