Erster Tag auf einer integrativen Schule /

Mein erster Tag auf einer integrativen Schule

Sechs Jahre lang besuchte ich die Blindenschule in Hannover. Danach wechselte ich auf ein integratives Gymnasium in Hamburg.

Die Schule war eine "normale" Regelschule. Doch es wurden in jede Klasse etwa zwei Blinde Schüler mit aufgenommen. Genau das, was wir wollten. Integrativ beschult werden und doch nicht das einzige Versuchskaninchen auf der ganzen Schule sein.

Da ich nicht jeden Tag Hin- und Herfahren konnte, musste ich im Internat der Hamburger Blindenschule wohnen.

Nachdem ich um eine Woche Sommerferien betrogen worden war, weil die Hamburger Schulferien früher angefangen und damit auch früher aufgehört hatten als die Ferien in Niedersachsen, kam ich nun in eine neue Stadt, neue Unterkunft, neue Schule und neue sechste Klasse.

Meine Familie war mit nach Hamburg gefahren und begleitete mich am ersten Tag in die Schule. Irgend ein Mensch, ich glaube es war ein Lehrer, führte uns in einen, für meine Begriffe überdimensionalen Klassenraum. Dort wurden meine Eltern dann wieder abgeführt und ein großer Mann, der einen langen, völlig unverständlichen Namen nuschelte, zog mich durch einen Irrgarten von Tischen hindurch zu einem Platz.

Wie sollte ich je durch die ganzen Tische zurück zur Tür kommen? Und wie hieß noch mal dieser Mann? war der wichtig? Und wo war ich jetzt?

In der Blindenschule waren wir immer sechs oder acht Schüler in einer Klasse gewesen. Jetzt wurde ich in einen Raum gesetzt, in dem mich eine ziemlich unüberschaubare Mitschülermasse erwartete. Neben mir, ungewöhnlich dicht, am gleichen Tisch saß noch jemand. So dicht hatten wir in der schule nur gesessen, wenn zwei Klassen zusammengelegt wurden, weil wir Unterrichtsvertretung hatten. Dann war der Klassenraum immer voll. Na ja, voll war es hier auch, und wie.

Der Jemand war ein Mädchen. Sie stellte sich vor und sagte, dass sie auch blind sei. Es seien 19 Kinder in dieser Klasse, aber nur wir beide wären blind. Sie war nicht neu, denn sie besuchte die Schule seit der fünften Klasse, also schon seit einem Jahr. Meine Frage, ob dies unsere festen Plätze seien, beantwortete sie mit: "ja.". Das beunruhigte mich doch etwas.

Unsere Tische hatten keine Fächer, wie die Schreibtische, die wir in der Blindenschule gehabt hatten. Auf dem Tisch war, wenn wir uns einen davon teilen mussten, auch nicht viel platz. Bücher in Blindenschrift sind groß. - Wo um alles in der Welt sollte ich hier Bücher unterstellen? Egal, ich besaß so wie so noch keine.

Meine Gedankengänge wurden von dem Mann, mit dem langen Namen unterbrochen. Meine blinde Mitschülerin setzte mich flüsternd davon in Kenntnis, dass dies der Klassenlehrer sei. Er verkündete, er würde jetzt den Stundenplan für alle sechsten Klassen austeilen. Danach würde er den unseren noch mal diktieren.

Oh, ich hatte nicht nur keine Bücher, sondern auch nichts zum Schreiben. Also weiteres Geflüster: "Hast du dir denn keine Maschine geholt?" Wo zum Geier sollte ich die denn herbekommen? So was ist doch da? Die wussten doch, dass sie noch eine Blinde kriegen. - Hier war, außer einem ganzen Haufen Menschen, offensichtlich nichts da.

"Wir schauen nachher zusammen, ob wir für dich eine Schreibmaschine bekommen." Mit diesen Worten schob sie mir ihre maschine hin. Ich sollte mitschreiben. Sie meinte, sie könne am Nachmittag zu Hause ihre Mutter fragen. Die würde ihr dann den Plan aus dem gesamtplan herausdiktieren.

Leise meldete sich eine weitere Frage: warum gibt es viele Pläne für eine Klasse? Ich hatte aber das Gefühl, dass dies eine dumme frage sei und stellte sie nicht.

Von vorne kam nun die Ankündigung: "Wir schreiben." - und es wurde plötzlich totenstill. Er diktierte. Alles was man hören konnte war seine Stimme. Dazwischen war nichts. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Was war denn bloß passiert?

Nach dem Erschrecken fiel mir ein, dass ja alle anderen mit einem Stift und deshalb leise schrieben. Ich war jetzt die Einzige, die auf einer Blindenschriftmaschine schreiben sollte.

In der Blindenschule ging beim Kommando. "Wir schreiben." Ein riesiger Krach los, weil 6 bis 8 Maschinen um die Wette klapperten. Aber hier? Ich konnte doch nicht einfach in diese Stille hineinschreiben. Das würde sich ja anhören, wie eine halbe Gewehrsalve. Bestimmt würde ich dann rausgeschmissen, wegen Störens des Unterrichtes. Was sollte ich denn jetzt machen?

Ich bekam einen Ellenbogen in die Seite: "Warum schreibst du denn nicht?" Ich versuchte dem Mädchen meine Bedenken zu erklären. Sie verstand mich nicht. Mist, das flüstern fiel ja in dieser stille auch so auf.

Ich versuchte vorsichtig eine Zeile zu schreiben. - Uij, das war ja viel zu laut! Also schön leise. Immer schön den Schreibkopf festhalten. Aber dann war ich zu langsam und kam nicht mehr mit.

Der Stundenplan war fertig diktiert. Vielleicht konnte ich ihn in irgendeiner Pause von jemandem abschreiben. Mist! Das ging ja auch nicht. Die schrieben ja alle Schwarzschrift. Ob mir den Plan wohl jemand diktierte?

Nun stellten sich alle Kinder erst mal vor. Die Hälfte der Namen vergaß ich gleich wieder. Und welcher Name zu welchem Menschen gehörte, konnte ich mir erst recht nicht merken.

Ich erfuhr, dass dies hier eine kleine Klasse sei. Dann wollte ich lieber noch nicht wissen, was die hier unter einer großen Klasse verstanden.

Als nächstes sprach der Lehrer von der Klassenfahrt, die schon lange geplant war und in zwei Wochen losgehen sollte. Es würden die Schüler aus drei sechsten Klassen mitfahren.

Wie viele sechste Klassen gab es denn hier? In welcher von den vielen befand ich mich? Ach du liebe Zeit! Da würden dann ja so um die 60 Schüler dabei sein. Das war ja soviel, wie die halbe Blindenschule. Und die waren alle in der sechsten Klasse? An der Blindenschule in Hannover waren ein paar hundert Schüler, wenn es überhaupt so viele waren.

An der neuen Schule waren ca 1200 Schüler. Ganze 14 davon waren blind und über die Orientierungsstufe und den Gymnasialzweig der Schule verteilt.

Irgendwann gongte es endlich. Puh, schon eine Stunde geschafft. Aber wie würde ich hier jetzt rauskommen? Ich hängte mich erst mal an meine blinde Mitschülerin, weil wir eine Schreibmaschine für mich organisieren wollten.

Wir liefen über ein paar Treppen, durch noch mehr Türen, waren plötzlich draußen und liefen lange irgendwie über einen großen, großen Platz. Da war ein Menschengewimmel. Hilfe" Ein Hauptbahnhof am Freitag Nachmittag war dagegen eine menschenfreie Zone. Ich bewunderte im Stillen meine Mitschülerin. Wie fand die hier durch? Woher wusste sie, wohin wir gehen sollten?

Wir landeten nach mehreren Stufen und einer Tür wieder in einem Haus. - Noch mehr Treppen, viel mehr Türen, und da war ein Raum mit einer Frau drin. Diesen Raum betraten wir beide nun auch. Tür zu, wenigstens ein Bisschen Ruhe. Ich wurde vorgestellt. Von dem Raum mit der Frau ging ein weiterer Raum ab, dessen Tür offen stand. Aus diesem Raum kam nun ein Mann gelaufen und drückte mir eine Punktschriftmaschine in die Hand. Die beiden redeten vom Englischunterricht und darüber, dass ich noch das buch brauchen würde. Ich bekam noch einen großen Leitzordner unter den Arm geschoben. Das war das Englischbuch.

Und schon waren wir wieder draußen und drängelten uns den ganzen Weg zurück. Meine Mitschülerin informierte mich darüber, dass wir jetzt Englisch hätten. Wir betraten wieder einen Raum. Aber das war doch gar nicht unser Klassenraum? Wo waren wir denn jetzt schon wieder?

"Na, englisch. Habe ich doch gesagt."

Hm. Hatten wir denn nicht den ganzen Unterricht im Klassenraum? So langsam wünschte ich mir die Blindenschule zurück. Da hatte ich einen festen Tisch, festen Raum und ein festes Fach, zum unterbringen von Büchern und anderen Sachen. Genau. Wo waren denn hier die Fächer? Sollten wir unsere Sachen denn immer mit uns herumtragen?

Ich bekam ein "Ja. Aber es gibt noch einen Raum." Zur Antwort und einen Stuhl vor die Füße gestellt. Ach ja, wir hatten ja Unterricht. Also hinsetzen. Die Maschine kam auf den Tisch und der Ordner auch.

Ein weiterer Mann stellte sich vor, erklärte mir, dass wir hier etwa 25 Schüler waren und ging nach vorn. Wieso denn 25? Eben waren es noch 19?

"Für die A-Kurse und B-Kurse werden die Klassen eben ein Bisschen gemischt. Wir sind im A-Kurs."

A-Kurs? B-Kurs? Ich verstand nur noch Bahnhof. Naja, bahnhof fing eindeutig mit B an. Geistig fühlte ich mich gerade ziemlich im B-Kurs. Und jetzt wollte der Mensch da vorn, dass ich anfange laut zu lesen. Gut. Lesen konnte ich ja wenigstens. Ordner aufschlagen, Finger auf die Seite und ... Was stand denn da? Ich konnte gar nichts lesen. Saß da mit offenem Mund, stieß meine Mitschülerin an: "Was steht denn da für'n Zeug. Ich kann gar nichts..."

"Ach, die englische Kurzschrift.", unterbrach sie mich, "Hattet ihr die denn nicht."

Nein, die hatten wir nicht. Wir hatten gerade damit angefangen und waren über die ersten fünf Kürzungen nicht hinaus gekommen.

"Sie kann zwar Englisch. Aber das ist Kurzschrift. Die kann sie noch nicht." Erklärte sie dem Lehrer und las für mich. Auweier! Nicht mal lesen konnte ich. Konnte ich denn hier irgendwas?

Gong, fünf Minuten Pause. Die brauchten wir auch. Wir wechselten wieder zurück in unseren Klassenraum. Jetzt waren wir wieder 19 Schüler. Nächste Stunde, Gong, große Pause. Durchdrängeln, Türen, Treppen, Türen, draußen.

Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, dass ich plötzlich allein auf dem Schulhof stand. Natürlich nicht allein. Aber ohne jemand bekanntes. Wahrscheinlich hatte ich meine Mitschülerin verloren. Es Gongte wieder und irgendwie war ich jetzt plötzlich doch allein. Menschenfreie Zone, als wären die alle ins Haus hineingesaugt worden. Aber wo war denn jetzt der Eingang? Da kam ein größerer Junge. Den fragte ich, wo denn die sechste Klasse sei.

"Welche?"

ach ja, es gab ja mehrere davon. Ja, welche denn? Warum stellte ich mich eigentlich die ganze Zeit so doof an? Das hätte ich doch alles wissen müssen. Meine Schwester kann sehen und ging schließlich auf eine Regelschule. Da gab es auch viele Kinder, viele Klassen und viel Gewusel. Das wusste ich von gelegentlichen Besuchen. Manchmal, wenn ich ein verlängertes Wochenende hatte, kam ich an dem freien Montag mit zu ihr in die Schule. Wenn wir an einem Samstag Schule hatten, machte sie den Gegenbesuch. Aber jetzt stand ich da wie der letzte Urmensch in plötzlicher Zivilisation.

"keine Ahnung" gab ich zur Antwort.

"Oh, es gibt mindestens 7 sechste Klassen. Wie heißt denn euer Klassenlehrer?"

Das würde ich ja selbst gern mal wissen.

"Weiß nicht. Habe den Namen nicht verstanden. Aber wir haben jetzt Biologieunterricht. Hilft das was?"

"Ja. In welchem Biologieraum denn?"

Ach du Schreck! Wieso denn im Bioraum? In der Blindenschule standen im Biologieraum lauter ausgestopfte Tiere und andere Modelle. Den Unterricht hatten wir meist in unserem Klassenraum. Und wieso fragte der Schüler in welchem Bioraum wir denn wären? Gab es denn viele davon?

"Ja", antwortete er geduldig: "6 Stück."

Du liebe Zeit. Der hielt mich bestimmt für den letzten Trottel. Jetzt atmete er tief durch: "Die kleineren Schüler sind meist in Haus A-B. Dann haben wir ja nur noch drei Bioräume zur Auswahl. Immerhin nur noch die Hälfte. Die anderen drei sind in Haus C."

Wieso denn Haus A-B und Haus C? war die Schule nicht immer in einem großen Gebäude? Hier offenbar nicht. Ich fragte vorsichtig, wie viele Gebäude die Schule denn hätte.

"Die zwei großen und dann halt noch kleinere. Weiß nicht genau. Ich glaube 7."

wir trabten los, durch die nun schon bekanntere Tür und Treppen und Türen. Ja, in diesem Haus war ich die letzten Stunden gewesen. Könnte also richtig sein.

Gleich der erste Biologieraum war der Volltreffer. Ein paar fremde Kinderstimmen behaupteten, dass ich zu ihnen gehöre und ich wurde wieder durch einen Tische, Stühle, Schüler, Urwald zu einem platz geschoben. Diesmal von einer Frau mit deutlicher Sprache und kürzerem Namen.

Gong, Schule fertig, ich auch.

Natürlich spielte sich im Lauf der Zeit alles ein und wurde einfacher für mich. Aber es dauerte doch eine ganze Weile, bis ich mit all den Veränderungen zurecht kam.

Yvonne Ramm

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© 2007 by Yvonne Ramm
Erstellt am Sa, 13.09.08, 08:01:19 Uhr.
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