Eine besondere Sicht /

Eine ganz besondere Sicht der Welt

Einblicke

Wenn ich im Sommer morgens meine Pferde von der Weide hole, nehme ich mir zuerst die Halfter mit. Da ist das von Flikka, hell, aus hartem Material und bei schlechter Beleuchtung sieht es dunkel aus. Silfurs ist dunkel, schon etwas verfilzt an der Oberfläche und verwaschen. Nun fehlen noch das dunkle, glänzende, weiche von Lux, das gestreifte von Irpa und das mit den zwei geflochtenen Streifen, die wie ein Relief sind, von Merlin. Wie immer gehe ich unsere Dorfstraße entlang, wobei mir die Halfter und Stricke über den Rücken herunterbaumeln.

Zu meiner Weide geht es ein kurzes Stück durch den Wald, auf einem wurzeligen und steinigen Weg, auf dem es mir hilft, die Füße zu heben. Im Wald ist das Licht viel erträglicher für mich, doch wenn die Sonne scheint, gibt es da so viele Flecken, dass es mich leicht verwirrt, mich das Licht immer wieder überraschend in die Augen sticht und ich den Untergrund mehr mit den Füßen sehe. Die große Wiese, auf der meine Tiere die Nacht verbracht haben, liegt an einem steilen und buckligen Hang, so dass ich ungern darauf herumlaufe. Silfur, mein erstes eigenes Pferd ist der Chef, der nun irgendwo auf dem großen Areal herumsteht. Er ist ganz braun und für mich also auf der Wiese perfekt getarnt. Auch die Länge von 120 Metern läßt mir keine Chance zu sehen, wo er ist.

An manchen Tagen kommt Silfur mir entgegen und wenn Sonne ist, glänzt diese auf dem Fell seines Rückens. Für mich sieht das dann so aus, als ob ein Sonnenpunkt rhythmisch über die Wiese in meine Richtung wandert. In diesen Momenten zieht auch Sonne in mein Herz und ich kann mich an meiner Art und Weise des Sehens freuen.

Wenn man mit der Augenerkrankung Achromatopsie geboren wird, kann man keine Farben sehen, ist extrem lichtempfindlich und sieht relativ unscharf und wenig. Auch das räumliche Sehen fehlt.

Wir Insider glauben natürlich, dass wir ganz normal sehen, denn wir kennen es ja nicht anders und Farben lassen sich nicht wirklich beschreiben. Auch die Schärfe des Sehens sowie die Menge wirkt subjektiv einfach normal. Die Welt bietet für uns nicht nur einen anderen Anblick als für Menschen mit gesunden Augen, sondern auch verläuft unser Leben durch die Behinderung ganz anders.

Augenblicke

Ein Mädchen wird geboren, schon unter der Geburt beginnt es zu schreien, Erleichterung und Freude über das vitale, lebendige Kind macht sich bei den Erwachsenen breit. Selbst sanftes abgedunkeltes Licht strömt grell und ungewohnt in die Augen des Babys und der Schmerz geht weit über das hinaus, was normale Augen in diesem Moment verkraften müssen. Es ist als würde das grelle Weisse den ganzen Körper ausfüllen. - Niemand bemerkt es.

Ein Kind tastet mit der Hand an der Teppichkante, ehe es den Fuß auf die veränderte Unterlage setzt. Es hat gelernt zu lächeln, damit die Erwachsenen es mögen sollen, auch wenn es sich unverständlich benimmt. Niemand weiß wie beängstigend es ist, wenn man nicht erkennt, ob und wie tief es an dieser Stelle hinunter gehen könnte. - Wohin mit der Angst?

Im Kindergottesdienst ist eine Prügelei unter den Kindern entstanden, ein Junge hatte angefangen, weil man seine Schwester Brillenschlange nannte. - Die Brille als Schutz, Hilfe oder Stigma?

Im Pfadfinderlager darf das Mädchen mit der Sonnenbrille die Toilette im Haus benutzen, denn es könnte bei der selbstgebauten Latrine hineinfallen. Die dunkle Brille verbirgt auch die Sehnsucht in den Augen, einfach dazuzugehören, nur eine von den Vielen zu sein. - Niemand sieht es!

Die Farbenblindheit begleitet jeden von uns lebenslänglich und auch im Alltag der Erwachsenen bleibt dies spürbar, besonders an den Stellen, in denen sich Berührungen mit der Welt der mühelos Sehenden ergibt. In stillen Stunden tauchen dazu Fragen auf: Worin liegt die Gerechtigkeit, wenn auf der einen Seite der Behinderte nicht die gesunden Möglichkeiten bekommen hat und auf der anderen Seite viele auf ihn Rücksicht nehmen müssen? Welche Maßeinheit gibt es für das, was jedes Individuum der gesund Geborenen für die anderen mittragen muss? Alle gleich viel? Und wenn jemand das nicht kann? Wer entscheidet darüber? Wer verlangt es? Warum?

Augenblicke

Lachend und plaudernd betritt eine Gruppe Wanderer ein Lokal mit Garten. Sie sind durstig und haben Appetit auf etwas Leckeres, es ist ein herrlicher Tag, mit Bilderbuchwetter und die letzten Wochen waren verregnet und kalt. Sie gehen in den dunklen Gastraum und suchen sich einen Platz. Heute haben sie die freie Auswahl, ausser ihnen benutzt niemand den Innenraum. Die Wirtin ist erstaunt. Die Gäste legen indessen ihre Wanderstäbe beiseite, Einzelne nehmen die Sonnenbrillen ab, andere ziehen sich wegen der Kühle im Raum eine Jacke über. Auch diese Gäste sind so sonnenhungrig wie alle Menschen an solch einem Tag, doch einer von ihnen braucht eine Pause vom Licht, obwohl er die Sonne auf der Haut gerne spüren würde, darin ist er wie all die anderen. - Er ist es gewohnt, darüber zu schweigen.

Bei der Hausarbeit haben Menschen mit angeborener Farbenblindheit einesteils die Schwierigkeiten, die alle Sehbehinderten haben, doch fallen uns beispielsweise bestimmte Schattierungen ganz besonders ins Auge. So werden weißgestrichene Wände häufiger mit dem Pinsel nachgemalt, weil die Augen ganz fein auf kleine Flecken darauf reagieren, übrigens auch auf Fettflecke in der Kleidung. Schmutzspuren sind da weit unsicherer wahrzunehmen, so dass die Kleidung lieber früher in die Wäsche gelegt wird, da die Kontrolle fehlt. Für eine Familie bedeutet das, mehr Kleidung zu besitzen als andere und auch häufiger Waschmittel einzukaufen.

Wenn wir Farbenblinden etwas erkennen wollen, benötigen wir eine Fülle von Informationen anderer Sinne, um zum gleichen Ergebnis zu gelangen, das ein Farbsehender mit einem Blick erreicht. Die Unterscheidung von Heu und Stroh beispielsweise, geschieht meist mittels der Farbe. Wussten Sie, dass Stroh meist glatter ist und glänzend? Sich der Halm des Heus rauh anfühlt und dass Stroh spröder bricht, als Heu? All das muss geistig kombiniert werden, ehe die Definition getroffen werden kann.

Die Lichtverhältnisse sind für uns nur selten ideal und unsere besondere Liebe gehört der Dämmerung, doch diese Zeiten sind kurz. Dann können wir endlich die Augen weit öffnen, die verkrampften Gesichtsmuskeln lockern und herumschauen, wie alle anderen auch. Der Blick wird weich und weit. Frieden breitet sich aus. Am Abend eines Tages, der erfüllt war mit erinnern, kombinieren, bücken zum näher hinsehen und blinzeln bzw. Augen zusammenkneifen, ertragen der Schmerzen durchs Licht usw., ist man schon müde. Allerdings stelle ich mir eine Welt mit Farben sehr verwirrend vor, haben doch Form und Schattierung auch ihre Reize.

Dieses Jahr will ich einen Osterstrauss aussuchen, der zu mir und meiner Welt passt. Als ich losziehe, um Zweige zu holen, erinnere ich mich an den Frühling im Wald und mir kommen besonders die Buchen in den Sinn, die immer wenn sie ihre Blättchen öffnen, mit diesen hellen Punkten plötzlich herausstechen aus dem üblichen Gewirr von Flecken durch das alte Laub, und Strichen durch die noch kahlen Zweige der Laubbäume. Wenn sie so deutlich hervortreten, kann man erst ihre Größe und Form so richtig erfassen und ich freue mich jedes Jahr daran. Die Zweige zeigen dann ein fächerförmiges Bild und darunter kommt im Laufe des Jahres tiefer Schatten, weil sie das Licht auffangen. Auch im Herbst werden diese Zweige wieder deutlich werden, mit ganz hellen Blättern, doch momentan verbreiten sie erst einmal gute Laune, mit den ersten Knospen, die ich zwar noch nicht sehe, doch spüre, beim Abbrechen des Zweiges, den ich mir ausgesucht habe. Seine Rinde ist glatt und metallisch glänzend, das wirkt kühl, doch der Farbton tut den Augen auf sanfte Weise wohl. Dazu möchte ich einen Birkenzweig haben, denn deren Zweige sehen für mich schwarz aus und ich mag den Kontrast. Auch die Rinde dieses feinen Zweigleins glänzt und ich weiss, dass es als erstes die Blätter öffnen wird. Eigentlich wollte ich noch eine Lärche mit ihren Blätterbüscheln dazu haben, weil ich mir das lustig vorstelle, doch diese Zweige sind zu hoch oben am Baum, so dass ich mich für einen Busch aus unserer Hecke entscheide. Es ist eine Weide, deren Triebe alle direkt aus der Wurzel kommen und die im Sommer ganz lange und schlanke Blätter hat. Der ganze Busch sieht wie eine Kugel aus und zieht von seiner Form und Art des Wachsens meinen Blick an. Die Rinde der Weide ist matt und etwas rauh. Im Haus erhält der Strauss einen Platz, der für mich nicht so günstig ist, denn der Hintergrund ist dunkles gemasertes Holz, doch ist er dort am Sichersten aufgehoben, ich würde ihn sonst leicht umstoßen, denn die feinen Zweigspitzen sind nur schwer vom Hintergrund zu trennen. Besonders ohne das räumliche Sehen ist da Achtsamkeit notwendig.

Schon nach einer Woche zeigen sich die Enden der Buchenzweige als helle Striche, die Knospen sind geschwollen und geben so dem Zweig eine deutliche Grenze. Die Birke hat bereits kleine Blättchen, die wie Kügelchen aus Krepppapier wirken und den Zweig wie eine Wolke umgeben, so dass man den Zweig beim flüchtigen Hinsehen gar nicht mehr bemerkt.

Blickwinkel

Jeder von uns lebt mit seiner Behinderung ganz persönlich. Es ist allerdings eine große Erleichterung, wenn sich die Erkenntnis einstellt, dass wir eigentlich auch eine große Bereicherung für die Gesellschaft sind.

Da sind die Eltern behinderter Kinder, die erzählen, dass ihr Leben eine andere Form erhält. Viele Lebenswünsche blieben auf der Strecke, doch wüssten sie viel leichter zu unterscheiden, zwischen den Dingen die eigentlich in einem menschlichen Leben wichtig sind und denen, die äusserlich sind, oberflächlich und nicht wirklich wichtig für die Seele.

Ein leitender Mitarbeiter eines Betriebes trifft sich mit einem Kollegen und dieser erzählt ihm im informellen Gespräch, wie sehr er dessen Eigenschaft bewundere, seine Arbeitsgruppen nach den Fähigkeiten jedes Einzelnen zusammenzustellen. Selbst schwierige Personen, die schon mehrfach das Team wechseln mussten, finden einen Platz. Welche Technik er anwende und bei welcher Schulung er das gelernt habe, wird er gefragt. Er zuckt die Schultern und meint, weder Technik noch Schulung habe er dafür. In einer Pause wandern seine Gedanken zurück, zu einem seiner Kinderfreunde. Sie hatten jahrelang zusammen gespielt, Fußball, Lagerbauen, Computer usw. Noch heute fühlt er den Schmerz, als sein Freund in eine Sonderschule eingeschult wurde und sie nicht mehr so viel Zeit zusammen hatten. Seine Verständnislosigkeit damals, wo er doch so viel mit ihm machen konnte, warum also könne er nicht auch auf die gleiche Schule gehen, fragte er die Mutter? Er fühlt auch noch den Schock der Erkenntnis Jahre später, dass sein Freund nicht die gleichen Dinge in seinem Leben tun können würde, wie er selbst, denn dieser war behindert. Wenn er heute seinem Personal begegnet, fliessen diese Erfahrungen immer wieder mit ein. Er erfasst die Fähigkeiten der Einzelnen intuitiv, so wie er immer wusste, was er mit dem Freund spielen konnte. Hat Jemand eine gute Art mit anderen einfühlend umzugehen, oder ist er eher ein aufmerksamer Helfer, der stillschweigend ein benötigtes Teil zur Hand hat, bringt Jemand viel Fröhlichkeit mit sich - all das ist für den Mann wichtig, um zu sehen in welcher Arbeitsgruppe genau diese Fähigkeit am richtigen Ort ist. So richtet er im Stillen einen Dank an seinen Freund, der behindert ist und wodurch er all das schätzen gelernt hat. Gelernt, an dem Schmerz, dass all seine positiven Fähigkeiten diesem Freund kein normales Leben ermöglichen konnten, da man in unserer Gesellschaft allzu leicht auf andere Dinge Wert legt.

Ein Pärchen besucht die Disco und läßt für eine Weile keinen Tanz aus. Plötzlich fällt der Strom aus und es wird Nacht über der dichtgedrängten Menge auf der Tanzfläche. Man hört Rufe, Kreischen, es wird gedrängelt und auch die beiden bekommen einige Stöße ab. "Komm" meint der angehende junge Mann zu seinem Mädel und legt sich ihre Arme von hinten um den Leib, wobei er ihre eine Hand festhält. Mit der anderen erkundet er vor ihr hergehend den Weg hinaus, durch den Gang mit seinen Stufen nach oben oder unten. Die Freundin atmet erleichtert auf, als sie im Freien sind. "Wie hast Du das nur hingekriegt" fragt sie. Seine Antwort - ich habe halt mit Händen und Füßen geguckt - läßt sie erstaunt schweigen. In diesem Moment erinnert er sich dankbar an seine Mutter. "Die Dunkelseherin" hatten sie sie genannt, denn obwohl sie tagsüber mit ihrer Lichtempfindlichkeit zeitweise fast blind war, konnte sie sich im Dunkeln im Wald beim letzten Hundespaziergang des Tages sicher bewegen. An ihre Worte "guckt doch mit den Füßen" kann er sich noch gut erinnern.

Ohne uns Behinderte geht es nicht, auch wenn es manchmal so scheint. Zuletzt noch einen Hinausblick.

Müde sitze ich gegen Abend im Zug, das Licht wird allmählich schwächer und meine schönste Tageszeit beginnt. Mein gemächlich wandernder Blick wird von Büschen angezogen, die aus dem Einerlei der Wiesen herausfallen und von den schwächer werdenden Sonnenstrahlen beleuchtet sind. Die blühenden Büsche sehen aus, als seien sie aus Eis, stachlig und sperrig. Diejenigen aber, die sich mit Laub bezogen haben, wirken als hätten sie sich ein Plüschfell wachsen lassen. Wenn die Büsche in Reihen stehen, herrscht eine große Vielfalt an Tönen und ich mache mir ein Spiel daraus herauszufinden, welche für mich die gleiche Tönung haben und demnach von gleicher Art sind.

Die Landschaft wechselt und zeigt mir jetzt überwiegend Felder, zwischen denen eines richtig hell herausleuchtet. Ich tippe auf blühenden Raps. Gleich darauf muss ich schmunzeln, denn es folgt ein Feld, das erst eines werden will und das momentan noch wie ein Stoppelbart aussieht.

Nun wird mein Blick von den Kontrasten der Häuser eingefangen, an denen wir zuletzt vorüberfahren, dunkler Klinker, mit manchmal hellen Fugen, teilweise weiß abgegrenzte Giebel oder das dunkle, graphisch wirkende Fachwerk. Dieser Anblick erinnert mich an Urlaub.

Ausblick

Wenn wir alle immer wieder interessierte Blicke in die Welt der anderen versuchen, werden wir alle voneinander profitieren und die Kraft zu schätzen wissen, die in der Vielfalt liegt. Mit unseren Worten können wir Brücken schlagen, von der einen zur anderen Seite.

Doris Russig

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© 2006 by Doris Russig
Erstellt am Sat, 29.07.06, 07:49:28 Uhr.
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