Wir kraulten den keltischen Tiger /

Wir kraulten den keltischen Tiger
und er schnurrte

Irland zum Anfassen - Impressionen aus der "Nicht-Sicht" eines blinden Mitreisenden.

Irland, grüne Insel am westlichen Rand Europas, Heimat der Feen und Elfen, Land der endlosen Moore, des stets ein wenig Whiskey-seligen melancholischen Gesangs in verräucherten Pubs. Irland, der keltische Tiger, mit einem beispiellosen wirtschaftlichen Wandel und Aufschwung in den letzten drei Jahrzehnten. Irland, das moderne, dynamische und weltoffene ebenso wie das traditionelle, die abendländische christliche Kultur über Jahrhunderte prägende, wollten wir kennen lernen, begreifen, in uns aufnehmen.

Wir, das waren 21 wissensdurstige, blinde und sehbehinderte Menschen sowie deren sehende Begleitpersonen, unter der wie stets sehr fachkundigen und erfahrenen Leitung von Carla M. Arning, eine Reisegruppe des evangelischen Blinden- und Sehbehindertendienstes Westfalen. Nach 10 Tagen und rund 1500 Buskilometern, nach dem Erkunden steinzeitlicher Wallanlagen und frühmittelalterlicher Klosterruinen, nach dem Erspüren des schwankenden Moorbodens und der Blumenpolster im zerklüfteten Karst und - freimütig sei's zugegeben: nach manchem Pint Guinness am Abend und dem einen oder anderen Whiskey - haben wir ein neues, vielleicht jeder ein anderes, gewiss aber ein fundierteres Irland-Bild gewonnen.

Ja, Irland ist eine grüne Insel. Aber das Grün - eigentlich müsste man genauer sagen: die verschiedenartigsten Grüntöne, die das stets wechselnde Licht in die irische Landschaft malt - ist in regelmäßige Felder eingeteilt durch graue Natursteinmauern und dunkle, im Mai über und über weißblühende Weißdornhecken. Gelbe Iris-Tupfen und dicke Polster der blauen Glockenblumen setzen farbliche Akzente, golden leuchten die Stechginsterbüsche und rosa der Rhododendron. In den weiten Mooren wechselt der Grundton von Grün zu Braun, Wollgras legt weiße Teppiche darüber und die Heide einen zartrosa Schleier. Flüsse und Seen blinken silbrig, abgründig schwarz die Tümpel im Moor und am Fuß der weißen Kalksteinklippen glitzert der Atlantik in tiefem Blau.

Uralt sind die Märchen und Mythen von den Feen und Elfen, die dem Menschen beistehen oder ihn foppen, wohl so alt wie die steinzeitlichen Ganggräber, die von einer Besiedelung der Insel vor bereits 5000 Jahren künden. Wenig weiß man über die Bedeutung der in die Steine gemeißelten Symbole, ist die immer wiederkehrende Spirale ein Sonnensymbol, ein kultisches Zeichen oder liebten die prähistorischen Künstler einfach nur diese harmonische Form? Die irischen Designer greifen diese Motive gerne auf und verbinden sie geschmackvoll mit modernen Stilelementen.

Zahllose Schmuckstücke hätten wir als Andenken mitbringen können, wenn es uns gelungen wäre, einen Leprachaun, jenen Elf, der einem zeigen kann, wo der Regenbogen auf die Erde trifft, dort wo - das weiß man ja - ein Topf Gold vergraben ist, durch einen Blick in die Augen zu bannen. Und gewiss hätten wir uns nicht von ihm hereinlegen lassen wie jener arme Kerl, der den Leprachaun bannte, um dann den Baum, in dessen Wurzelwerk der Schatz vergraben war, mit einem roten Schal zu zeichnen, und dem der Leprachaun versprach, weder den Baum noch den Schal oder den Schatz von seinem Platz zu verrücken, bis der Glückliche mit einem Spaten zurückgekehrt wäre. Ein Leprachaun hält Wort, das wusste er, aber als er seines Reichtums gewiss, in den Wald zurückkehrte, da trugen alle Bäume rote Schals ... - nein, das hätten wir schlauer angefangen! Aber: wir trafen keinen Leprachaun, nicht einmal eine kleine Fee - oder war es das unsichtbare Volk, das den Koffer einer Mitreisenden auf dem Weg von Frankfurt nach Dublin verschwinden ließ und erst nach einer Fürbitte am Wunschkreuz des heiligen Kevin wieder herausrückte?

Die Ruinen der in der Mitte des ersten nachchristlichen Jahrtausends in ganz Europa berühmten irischen Klöster legen beredtes Zeugnis von Kämpfen um Macht unter dem Vorwand des rechten christlichen Glaubens. Als nach dem Untergang des römischen Reichs der Siegeszug des Christentums von Süden her jäh abbrach, als das Wissen der Antike in Vergessenheit zu geraten drohte, da waren es diese Klöster, die ihre Missionare aussandten, von Jesus Christus zu künden, und die in ihren Scriptorien die Werke der antiken Dichter und Philosophen ebenso kopierten wie die Schriften der frühen Christenheit. Namen wie Gallus, Kilian oder Bonifatius stehen für Klostergründungen in der Schweiz und in Süddeutschland, die nicht nur das Licht des Glaubens in Mitteleuropa weiterreichten, sondern aus Urwäldern Felder und Weinberge schufen und sich so die Erde zum Ruhme Gottes untertan machten. Während Städte wie St. Gallen und Würzburg erblühten und wir noch heute dort Pergamente aus dem 6. Jahrhundert nach Christi Geburt studieren können, sind Glendalough und Mellifont Abbey nur noch Ruinen. Verwüstet von den Wikingern und den Normannen bauten die irischen Mönche die Klöster immer wieder auf, bis im 16. Jahrhundert mit der Abspaltung der anglikanischen Kirche von Rom die Klosteranlagen in Irland auf Befehl der englischen Machthaber endgültig zerstört und ihre Besitzungen verteilt wurden. Seither schwelt der Machtkampf zwischen dem irischen Nationalismus und dem englischen Kolonialismus, Kriege und Bürgerkriege unter dem Deckmantel der Religion malträtierten immer wieder das Land, und ein letzter Rest hat sich bis in unsere Zeit im Nordirland-Konflikt erhalten, wenn auch seit dem Karfreitag-Abkommen von 1998 die Hoffnung auf dauerhaften Frieden wächst.

Wir haben der klösterlichen Kultur nachgespürt, die Reste sakraler und profaner Bauten mit unseren Schritten vermessen und anhand der ertasteten Zierratfragmente den Schmuck der Gebäude imaginiert. Die berühmten keltischen Hochkreuze mit den erzählenden Reliefbildern der biblischen und der klösterlichen Geschichte brachten uns den Schöpfern dieser Kunstwerke ganz nahe. Und wir haben den Genius Loci gespürt, das Eigene dieser Stätten. Wenn ich ein Kloster gründen wollte, würde ich es dort tun, wo der heilige Kieran wirkte: in der Stille der weichen, irisch grünen Landschaft bei Clonmacnoise mit dem Blick auf das Silberband des Flusses Shannon, kaum ein Platz scheint mir besser geeignet für Meditation und Kontemplation.

Die irischen Mönche suchten nicht nur die Einsamkeit, sondern auch die Herausforderung. "Machet Euch die Erde untertan", heißt es im Alten Testament und "Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot verdienen". Dies war ihr Auftrag, ihr Weg und ihr Ziel. Auf Inishmore, der größten der drei Aran-Inseln, etwa 45 Schiffsminuten vor der irischen Westküste, fanden wir die Spuren der Mönche ebenso wie die der prähistorischen Siedler. Auch über diese Insellandschaft hätte Uhland mit Fug und Recht schreiben können: "Viel Steine gab's und wenig Brot". Das, was es hier an fruchtbarem Boden gibt, wurde von Menschenhand geschaffen. Es gibt kein Brennmaterial auf der Insel, weder Bäume noch Torf, und doch schufen hier bereits die Menschen der Bronzezeit eine gewaltige steinerne Verteidigungsanlage, einen mehrere Meter hohen Wall auf einem der höchsten Punkte der Insel, halbkreisförmig und offen zur See, wo die Klippen fast hundert Meter senkrecht in den Atlantik abfallen. Wir hörten das Meer in der Tiefe leise rauschen, erklommen den Steinwall und fanden in seinen Ritzen kleine Blütenpolster. Der Tag war sonnig und windstill, aber es bedurfte wenig Phantasie, sich vorzustellen, wie die Bewohner der Aran-Inseln noch vor wenigen Jahrzehnten ihren Lebenskampf fochten. Viele der irischen Atlantikinseln wurden von ihren Bewohnern verlassen und es fällt den Menschen nicht leicht, die Erinnerungen an gute und schlimme Tage dieses naturverbundenen Lebens in den modernen Alltag einzubringen. Im Theater von Tralee wurde uns mit Musik, Gesang und Tanz die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die aus dem modernen Leben heraus das Inselleben ihrer Vorfahren träumt, mit Spiel und Tanz, mit Hochzeitsfest, aber auch mit Abschied von einem Auswanderer und Tod eines kleinen Jungen, da der Arzt vom Festland wegen des schlechten Wetters nicht übergesetzt werden konnte. Es ist dies, was die Iren heute anstreben: eine moderne Gesellschaft, zukunftsorientiert und im besten Sinne europäisch aber der uralten Wurzeln der eigenen Geschichte eingedenk. Gälisch ist erste Amtssprache, vor Englisch; Computerfirmen wie DELL und Intel haben sich Irland als Standort ihrer europäischen Zentralen erwählt - Tradition und Moderne im harmonischen Einklang.

Unsere Reise über die Insel der Kelten war sehr informativ, aber auch erholsam. Das lag zum einen an dem ausgewogenen Programm, das Kulturdenkmäler und Natur geschickt ineinander verwob; aber auch an Eugenie, der schweizstämmigen Wahl-Irin, die uns begleitete und Land, Leute und Kultur näher brachte und unsere vielen Fragen stets kundig und geduldig beantwortete. Wenn sie auch nicht sang - nun, alle Iren können singen, aber vielleicht nicht alle Wahl-Iren -, so wusste sie doch viel von Elfen und Feen, und ihr trockener Humor ist eine wirklich gelungene Melange aus schweizerischem und irischem Augenzwinkern. Ihr sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt; in manchem von uns hat sie gewiss die Lust auf mehr Irland geweckt. Vieles wäre noch zu erzählen: von dem Besuch im Freilichtmuseum Bunratty mit seinen strohgedeckten Katen und der kleinen Schule, von der Whiskeyprobe in der alten Jameson-Distillery in Dublin, vom irischen Nationalheiligen St. Patrick, der das Christentum auf die Insel brachte, oder auch von den vielen guten Gesprächen untereinander beim abendlichen Guinness. Ich will mich hier darauf beschränken, ein letztes Klischee zu beseitigen: "Wenn es in Irland nicht regnet, dann schüttet es." Wir hatten nur einmal Gelegenheit, den irischen Nieselregen für eine Stunde zu erspüren; ansonsten waren unsere Tage auf der grünen Insel geradezu unverschämt sonnig!

Und sollte nun noch jemand fragen, warum blinde Menschen verreisen, so antworte ich ihm in guter irischer Tradition mit einem Limerick, jenem Fünfzeiler in strengem Versmaß, und verwebe dies zugleich mit dem Dank an Carla M. Arning als Reiseveranstalterin:

Es wählte die Carla aus Vlotho
"Begreifen" als ihr Lebensmotto.´
Mit Blinden zu reisen
Der Welt zu beweisen
"Aufnehmen" ist mehr als ein Foto.

Dr. Hartmut J. Streuff

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 12, Dezember 2004.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

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Erstellt am Mi, 14.12.05, 10:01:19 Uhr.
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