Yellow, mein Pferd /

Yellow, mein Pferd!

Angefangen hat alles damit, dass ich den Verein "Tiere helfen Menschen" kennen gelernt habe. Dort habe ich zum ersten Mal gehört, dass auch Behinderte reiten können.

Wie soll das gehen, und wo? Zum Glück komme ich aus einer Familie, wo Reiten kein unbekannter Sport ist. So bekam ich wenigstens eine Telefonnummer, und nach einem Anruf eine Liste von Menschen, die eine Lizenz haben. Blieb noch die Frage: "Soll es heilpädagogisches Reiten, Hippotherapie oder Behindertensport sein?"

Heilpädagogen arbeiten u.a. mit "Sinnesbehinderten". Also genau das Richtige für meinen Mann. Er ist seh- und hörbehindert. Hippotherapie, das ist Krankengymnastik auf dem Pferd. Also genau das Richtige für mich. Ich bin blind und gelähmt. Behindertensport, vielleicht später mal als gemeinsames Hobby?

Seit April gehe ich also zur Hippotherapie. Zuerst bin ich mit Hilfe meiner Therapeutin einmal um Yellow herumgelaufen. Oh Schreck, so ein großes Tier! Die Ponys auf Bauernhöfen sind eindeutig kleiner. Ob sie hier wirklich wissen, was sie tun? Wie soll ich denn da hoch kommen. Und sicher falle ich gleich wieder herunter. Ich gebe zu, das Aufsteigen ist eine Plackerei. Aber ich komme hoch und bin bisher noch nicht heruntergefallen.

Wir verwenden 3 Hilfsmittel. Ein Podest, dann bin ich schon auf halber Höhe. Immer noch müssen mich dann zwei Leute aufs Pferd heben. Einen Gurt mit Haltegriffen, an Stelle eines Zügels. Und einen Gurt um meinen Bauch, der links und rechts eine Handschlaufe hat, damit die Krankengymnastin mich festhalten kann. Zur Sicherheit setze ich noch eine Reitkappe auf.

Jetzt gilt es, zu lernen: In der Mitte sitzen, den Rücken aufrichten, die Hände nicht verkrampfen, die Schultern locker lassen und Gleichgewicht halten. Gestern habe ich es gerade geschafft, die Hände hin und wieder abwechselnd von den Haltegriffen zu nehmen. Man sieht, es dauert noch, bis ich zur perfekten Reiterin werde. Bis dahin freue ich mich über Yellows weiches Fell, seinen leckeren Geruch und seine Gutmütigkeit.

Selbst von hinten kann man sich ihm nähern. Als Therapiepferd hat er gelernt, nicht auszukeilen. Außerdem muss er immer darauf achten, was der Führer, die Krankengymnastin und der Reiter möchten. Im Schritt gehen, das ist kein Problem. Aber den schaukelnden Menschen auf seinem Rücken zu balancieren, das ist Arbeit!

Yellow, halte durch. Am Ende gibt's eine Belohnung. Eine Möhre, hartes Brot, einen Apfel oder ein Pferdeleckerlie.

Übrigens, der Apfel passt ganz ins Maul. Wenn meine Meerschweinchen das wüssten, sie würden vor Neid erblassen.

Maria Steding

Aus: "Die Gegenwart", Zeitschrift des DBSV, Nr. 7/8, Juli/August 2003.
Weitere ausgewählte Artikel aus der "Gegenwart" finden Sie auf der Homepage des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

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Erstellt am Fr, 19.09.03, 19:41:09 Uhr.
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