Gewonnen hat wer sich selbst besiegt /

6. Mobilitätsrallye der "Fachgruppe Hilfsmittel"
Gewonnen hat, wer sich selbst besiegt

Ausgerüstet mit einem Kassettenrekorder, einer Audiokassette mit einer genauen Wegbeschreibung, dem unentbehrlichen Langstock sowie mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen und vor allem guter Laune versammelten sich die 14 Teilnehmer am 9. Juni im Louis Braille Haus zur nun schon lieb gewordenen Mobilitätsrallye der "Fachgruppe Hilfsmittel" des Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

Wie bei einer Rallye üblich, geht es nicht so sehr darum, besonders schnell, sondern besonders "clever" zu sein. Die Aufgabe bestand darin, einen vorher nicht bekanntgegebenen Weg kreuz und quer durch Wien zu finden, an mehreren Stationen die für eine Rallye üblichen und oft auch scherzhaften Fragen zu beantworten, Punkte zu sammeln und schließlich wohlbehalten wieder im Louis Braille Haus einzutreffen.

Was ist nun so besonders an dieser Rallye? Versuchen Sie sich vorzustellen, dass Sie einen Ort in einer Großstadt aufsuchen müssen, wo Sie noch nie waren. Sie verlassen Ihr Haus und als Sie auf die Straße kommen, stellen Sie fest, dass Sie kaum die Hand vor Ihren Augen sehen können, weil der Nebel so dicht ist. Sie können keine Straßenschilder erkennen, keine Beschriftungen lesen, entdecken Hindernisse erst, wenn Sie schon davor stehen und selbst das Liniensignal der Straßenbahn, die Sie heranrollen hören, kann den Dunst nicht durchdringen.

Wenn Sie Ihren Weg aufschieben können, dann würden Sie das jetzt wohl tun, anderenfalls müssten Sie einen Stadtplan zurate ziehen und die Informationen wie Liniensignale und Straßennamen etc. irgendwie und irgendwo (?) erfragen.

Zugegeben: der Vergleich hinkt natürlich, denn bei solchen Bedingungen wäre sowieso jeder Verkehr lahmgelegt.

Ähnliche Bedingungen finden blinde Menschen in ihrem Alltagsleben vor und für uns gibt es (noch) keinen Stadtplan, der uns bei der Vorbereitung und Erschließung unbekannter Wege helfen könnte. Wir können unsere Wege zur Arbeit oder zum nächsten Supermarkt - und auch dort herrscht für uns "dichter Nebel", sodass wir Produkte weder lokalisieren noch deren Aufschriften lesen können - nicht einfach vertagen. Aber wir haben gelernt, mit diesen oft widrigen Bedingungen umzugehen, haben uns "Krücken" geschaffen und gelernt, unsere Alltagswege nicht dem Zufall zu überlassen, sondern vorauszudenken und akribisch zu planen.

Was bleibt, sind die vielen unvorhergesehenen und unbekannten Hindernisse wie Baustellenabsperrungen, am Gehweg abgestellte Gegenstände, begonnen von an die Wand gelehnten Fahrrädern bis hin zu Schanigärten, die manchmal nahezu die gesamte Gehwegbreite einnehmen. Da gibt es das Knäuel von Fußgängern, Kinderwägen und Scateboards bei der roten Ampel, die Touristengruppe, die den Durchgang verstopft oder auch die gespannte Hundeleine vom Frauchen zum Hundchen. All diese Dinge lassen sich weder durch Planung noch durch ein Mobilitäts- und Orientierungstraining vorhersehen oder umgehen; sie müssen sozusagen aus dem Stegreif bewältigt werden.

Und gerade darum treffen sich jedes Jahr ein paar Mutige, um sich zu beweisen, dass sie mit all diesen Schwierigkeiten fertig werden können, sicher und in angemessener Zeit ihr Ziel erreichen und - das Wichtigste von allem - dabei weder sich noch andere Verkehrsteilnehmer gefährden. Wer außer einem absolvierten Mobilitätstraining, gutem Vorstellungs- und Orientierungsvermögen auch noch starke Nerven, Neugier auf Unbekanntes, Abenteuerlust und gute Laune zur Verfügung hat, der kann neben der sich selbst auferlegten "Prüfungssituation" bei der Mobilitätsrallye auch noch seinen Spaß und sein Vergnügen daran finden.

Aber eines steht fest: Alle, die hier mitmachen, sind Sieger - Sieger über den "inneren Schweinehund" der Angst und Passivität und Sieger über die mit sehr vielen praktischen Nachteilen behafteten Begleitumstände der Blindheit. Denn wie die Seefahrer vergangener Jahrhunderte haben sie ihren persönlichen Horizont erweitert, sind hinausgezogen, um die Welt ein Stück weit zu erobern und wieder heimgekehrt mit dem befriedigenden Gefühl, den "Elementen" getrotzt zu haben.

Eva Papst

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© 2001 by Eva Papst
Erstellt am Mo, 27.08.01, 08:01:19 Uhr.
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