Go West 2 /

Ein weites Land
Go West
- eine Reise durch Kalifornien,
Arizona, Utah
und Nevada

Auf der Fahrt von Phoenix nach Norden geht es in die Tafelberge, vorbei an Arcosanti. Das Konzept der "Stadt der Zukunft", wie Arcosanti auch genannt wird, stammt von einem Italiener und basiert auf dem Gedanken der Selbstversorgung: Die Abwärme der Eisengewinnung soll für Heizung und Warmwasser genutzt werden; die Finanzierung des Projekts erfolgt ausschließlich durch Privatmittel. Viele Architekturstudenten kommen auch aus Europa hierher um dieses Konzept zu studieren.

Als es wieder talwärts ins Verde Valley geht, nähern wir uns der ersten Station dieses Tages: Montezuma Castle.

Die Felsenhöhlen der Sinagua-Indianer (Sinagua = ohne Wasser), die wir besichtigen, basieren auf Vulkangestein, das vom Wasser des Biber Creek glattgeschliffen wurde, "verputzt" wurden die Höhlen mit Kalk, der zusammen mit dem Wasser zu Mörtel wurde. Zwischen den Felsenlöchern wurden Galerien aus Holz gebaut, Balkonen vergleichbar.

Während die Frauen für das Mahlen des Getreides sowie die Erzeugung von Kleidern zuständig waren, war es die Aufgabe der Männer, die Behausungen zu bauen und zu reparieren. Warum gegen 1400 die hier ansässigen Indianer spurlos verschwanden, ist bis heute ungeklärt.

Und weiter geht es talwärts, hinab nach Sedona. Die Stadt Sedona liegt in einem Kessel, umgeben von den roten Tafelbergen.

Von Sedona geht es aufwärts mit einem beeindruckenden Blick in den tief unten liegenden Oak Creek Canyon. Wir nähern uns langsam dem Ziel dieser Tagesetappe: dem Grand Canyon. Zuvor passieren wir Flagstaff mit dem berühmten Observatorium, in dem 1930 der Planet Pluto entdeckt wurde.

Inzwischen sind wir auf 1900 Meter angelangt, auf einer Höhe also, wo es in unseren Breiten nur spärlichen Bewuchs gibt. Im Südwesten Amerikas hingegen beginnt hier erst die fruchtbare Region. Die Landschaft ist mit unseren tiefer gelegenen Alpen vergleichbar; die Menschen leben hier vorwiegend von der Forstwirtschaft.

Der Grand Canyon wurde 1550 von Garcia Lopez de Cardenias entdeckt. Und - wie könnte es anders sein - auch um ihn rankt sich eine Geschichte, von Maria bereitwillig zum Besten gegeben:

Charles Harvey erhielt die Aufgabe, die Restaurants in der Gegend zu verbessern, um die Region für den Tourismus attraktiver zu machen. Er stellte junge Damen mit Highschool-Abschluss ein, was damals eine Sensation, wenn nicht sogar ein Skandal war. Man sagt, die "Harvey-Girls" hätten den wilden Westen gezähmt, weil nahezu jede von ihnen spätestens nach 18 Monaten einen Mann fand. Harvey stellte übrigens auch die Architektin Mary Coulter ein; er scheint also ein "Freund der Frauen" gewesen zu sein.

Aber was sind solche Geschichten angesichts des Canyon selbst! Die Südkante des Canyons liegt auf 2100 Meter, die Nordkante 300 Meter höher. Wer von der Nordkante in den Canyon hinabsteigt, durchquert bis zum Colorado, der 1700 Meter tiefer liegt, 5 Klimazonen der Erde. Ein guter Bergsteiger würde dazu etwa 14 Stunden benötigen.

Wir sind nicht ganz so sportlich, aber 12 Personen unserer Reisegruppe lassen es sich nicht nehmen den Canyon mit dem Hubschrauber zu überfliegen - ein recht wackeliges Unterfangen, wie mir mein Mann berichtete.

Der Colorado River vom Hubschrauber aus

Bildbeschreibung: Colorado River vom Hubschrauber aus

Am nächsten Tag setzen wir unsere Fahrt Richtung Osten fort. Wir befinden uns jetzt mitten im Indianergebiet und Maria nutzt die Busfahrt, um uns mit Informationen über die "Native Americans" zu versorgen, wie die Indianer offiziell genannt werden.

Der größte Stamm sind die Navaho-Indianer, die sich selbst Dinê nennen. "Navaho" ist eigentlich ein Schimpfwort und bedeutet so viel wie "Spitzbub" oder "Eindringling". Die Navahos sind Jäger und bebauen kein Land, denn ihr Glaube verbietet ihnen dies: Die Erde könnte dabei Schmerzen erleiden. Maria wartet mit einem interessanten Detail auf: Bei den Navahos kann sich eine Frau scheiden lassen, indem sie einfach den Sattel des Mannes vor den Hogan stellt. Wie sich die Männer "befreien", darüber hat uns Maria allerdings nichts erzählt.

Coloradobogen, während der Weiterfahrt fotografiert

Bildbeschreibung: Coloradobogen

Es gibt 66 verschiedene Indianerstämme. Die Navahos zählen 240.000 Mitglieder. Im Südwesten Amerikas gibt es 21 Tribes (Stämme). Der kleinste Stamm hat ca. 140 Mitglieder. Hier leben aber auch die Hopies; diese sind Ackerbauern. Kleinere Stämme sind die Sioux und Apachen.

Während im Norden Amerikas die Indianer zwangsweise in Reservate umgesiedelt wurden, konnten die im Südwesten lebenden Stämme ihren Wohnsitz immer frei wählen. Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass das sehr karge und unwirtliche Land ohnehin niemand haben wollte.

Einer der Höhepunkte dieses Tages ist zweifellos Monument Valley, wo viele Wildwestfilme gedreht wurden. Wenn man am Rand des Tales steht, wird rasch klar, wie es zu seinem Namen kommt.

"Kathedrale" im Monument Valley

Bildbeschreibung: "Kathedrale" im Monument Valley

Dort ragen Monolithen bis zu 400 Meter Höhe empor; einer sieht aus wie eine Kathedrale, die beiden anderen wie überdimensionierte Fäustlinge. Eine wahrlich grandiose Kulisse inmitten einer unglaublichen Weite und Stille.

Im Tal, das mehr als 20 Kilometer breit und - wie nicht anders zu erwarten - ziemlich karg ist, leben noch 12 Navaho-Familien in traditioneller Lebensart.

Auf der Weiterfahrt herrscht plötzlich Unruhe im Bus und "Ohs" und "Ahs" sind zu hören. Maria unterbricht die bis dahin schläfrige Stille und kommentiert für die blinden Mitreisenden, was die Unruhe hervorgerufen hat: Vor uns auf der Autobahn rollt doch tatsächlich die Hälfte eines Einfamilienhauses. "Vermutich eine Scheidung", erklärt Maria. Der durchschnittliche Amerikaner wechselt in seinem Leben sieben- bis achtmal seinen Wohnsitz und darum haben die Einfamilienhäuser auch Räder und können auf den sehr gut ausgebauten Autobahnen leicht transportiert werden. Offenbar ist auch eine Teilung des Hauses kein Problem. Ob die Besitzer dieser Häuserhälften nun zwangsläufig nach einer "zweiten Hälfte" suchen, haben wir nicht hinterfragt - vermutlich schien uns die ganze Vorgangsweise so kurios, dass wir die Sache einfach als gegeben hingenommen haben.

Abends treffen wir in Page ein. Page wurde 1957 als Arbeitercamp erbaut; es liegt 1400 Meter hoch. Der Bau des Staudamms wurde 1963 vollendet.

Staumauer des Lake Powell in Page

Bildbeschreibung: Staumauer des Lake Powell in Page

Der Stausee (Lake Powell) ist 300 Kilometer lang und es dauerte 18 Jahre, bis er voll war, weil ja immer wieder Wasser für die Bewässerung des Landes abgegeben werden musste. Das Kraftwerk versorgt Utah, Arizona und auch Teile Kaliforniens mit Strom. Dieses Gebiet war ursprünglich Teil des Indianer-Reservats, wurde aber von der Regierung den Indianern abgekauft und diese durch die siebenfache Landmenge entschädigt.

Bevor wir am nächsten Tag Page verlassen, versorgt uns Maria noch mit einer Reihe von Daten und Fakten über den Staudamm und die acht Generatoren des riesigen Kraftwerks - eine Fülle von Zahlen, die ich Ihnen aber vorenthalte.

Hier überqueren wir den Colorado, jedoch nicht auf dem Damm, sondern einer filigran anmutenden Brücke.

Filigran anmutende Brücke über den Colorado

Bildbeschreibung: Filigran anmutende Brücke über den Colorado

Kurz darauf passieren wir die Landesgrenze zwischen Arizona und Utah, dem Staat der Mormonen. Mit einer Fläche von 219.000 Quadratkilometer ist Utah knapp dreimal so groß wie Österreich, hat jedoch nur 1,8 Millionen Einwohner. Hauptstadt ist Salt Lake City, ein bekanntes Schigebiet, wo ca. 1 Millionen Menschen wohnen.

75 Prozent der Bevölkerung Utahs sind Mormonen, die Church of Jesus Christ of latter day saints, wie sie sich selbst nennen. Gegründet wurde die Sekte von Josef Smith. Young hat die Kirche neu organisiert, zog mit den Anhängern nach Westen und kam nach Utah.

Die Mormonen geben 10 Prozent des Bruttogehalts der Kirche. Alle Jugendlichen gehen nach der Highschool in die Mission; Burschen zwei Jahre, Mädchen 18 Monate lang.

Die Tempel der Mormonen haben hohe Türme und sehen wie unsere Kirchen aus, haben im Inneren jedoch viele Räume, denn die Gläubigen verbringen den gesamten Sonntag in der Kirche.

Eine ihrer strengen Regeln ist das absolute Alkoholverbot. Vielleicht ist dies zusammen mit der gesunden Ernährung von ihrer Hände Arbeit einer der Gründe, dass die Mormonen die höchste Lebenserwartung in den Staaten haben.

Wir befinden uns noch immer auf dem Colorado-Plateau auf ca. 1600 Meter Höhe, umgeben von Sandsteinhügeln, denen das darin enthaltene Eisen eine tiefrote Färbung verleiht.

Natürlich wollten wir bei einem Stop in freier Natur auch einmal die Wüste hautnah erleben. Zwischen Geröll wachsen Heidelbeeren, Wacholder, Schlangengras, Pinien, Kiefern und viele trockene und vor allem unbekannte Gewächse - und es staubt, dass man kaum frei atmen kann. Das Gestein ist durch Erosion ganz zerbröckelt. Aus diesen Halden ragen große Gesteinsbrocken mit bizarren Formen empor. Aus dem Schlangengras, das hier wächst, fertigen die Indianerinnen übrigens Haarbürsten.

Am Nachmittag kommen wir an den Virgin River und die Weiden werden üppiger; es gibt jetzt Bauernhöfe und gut genährte Rinder. Die Weiden müssen aber mit Sprenkelanlagen bewässert werden. Erstaunlich für uns Mitteleuropäer ist, dass hier auf nahezu 2000 Meter Apfelbäume wachsen.

Gegen Abend erreichen wir das Paunsangent-Plateau. An der Ostseite ist der Bryce Canyon, unser Ziel für heute. Eveneezer Bryce, ein Mormone, hat sich 1923 als erster Siedler hier niedergelassen, daher wurde der Nationalpark nach ihm benannt.

Beeindruckend war unsere abendliche Wanderung zu zwei Aussichtspunkten, dem Sunrise Point und seinem Gegenstück, dem Sunset Point. Blickt man in das Tal hinunter, glaubt man, in ein überdimensionales Amphitheater zu blicken.

Der Sunset Point im Bryce Canyon

Bildbeschreibung: Der Sunset Point im Bryce Canyon

Am nächsten Morgen ist es sehr kühl. Kein Wunder, schließlich befinden wir uns in einer Höhe von 2300 Meter. Nach all den Wüsten, Sandstein und dem kargen, trockenen Land tut uns das Grün gut und die vielen Apfelbäume bei Glendale lassen heimische Gefühle aufkommen. In der Ferne sieht man Antilopen - wie bei uns die Rehe. Die Landschaft erinnert ein wenig an die Schwäbische Alb.

Am späten Vormittag erreichen wir den Zion-Nationalpark. Im oberen Teil darf man nicht aussteigen - zu groß ist die Gefahr des Steinschlags.

Auf unserer Fahrt talwärts präsentiert sich uns ein beeindruckendes Felspanorama, das viele Begeisterungsrufe auslöst und sich somit auch jenen mitteilt, die die landschaft nicht sehen können. Steile und kahle Felswände, auf denen Bergsteiger zu sehen sind, Abbrüche und Felsbögen säumen eine abenteuerliche Serpentinenstraße.

Der höchste Berg im Zion-Nationalpark ist 2300 Meter hoch. Der Park ist 431 Quadratkilometer groß. Der Grand Canyon, im Vergleich dazu, über 4000 Quadratkilometer.

Felsenbogen im Zion Nationalpark

Bildbeschreibung: Felsenbogen im Zion Nationalpark

Viele Bergformationen sehen wie Figuren aus: ein Schloss, ein Araberkopf - der Phantasie wird hier eine Menge Nahrung geboten.

Maria weiß natürlich wieder eine Story zu berichten: In dieser Gegend lebte Buffalo Bill. Er ging hier auf Büffeljagd und gründete einen Zirkus. Zu seiner Truppe gehörte unter anderem auch Annie - die Hauptfigur des Musicals "Annie get your gun".

Nach Verlassen des Nationalparks umfängt uns wieder das bekannte Bild: Kakteen, rote Tafelberge, Trockenheit und Lavagestein.

Gegen Mittag erreichen wir Saint George, die letzte Station in Utah, wo ich Sie vorübergehend wieder verlasse. Genießen Sie noch eine Weile die Natur und die Ruhe, die hier herrscht, denn in unserer nächsten Etappe geht es nach Las Vegas. ...

Eva Papst

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© 2004 by Eva Papst
Erstellt am Fr, 07.01.05, 09:01:19 Uhr.
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