Fernsteuerung per Kassette /

"Fernsteuerung" per Kassette

Nein, keine Sorge: Sie lesen hier keine utopische Geschichte, doch - zugegeben - ein kleines bißchen ungewohnt ist sie vielleicht doch.

Wir schreiben den 21. Juni 1997. 16 blinde Teilnehmer treffen einander bei echtem Kaiserwetter, um an der 2. "Mobilitäts-Rallye" der Fachgruppe Hilfsmittel des Österreichischen Blindenverbandes teilzunehmen. Einen Kassettenrekorder mit Kopfhörer hat jeder von uns mitgebracht. Vor Beginn der Veranstaltung erhalten wir noch eine Liste und eine Audiokassette. Und dann geht's los.

Ich lege also die Kassette ein und höre mir an, was ich zu tun habe. Meine Aufgabe besteht darin, mit Hilfe meines Langstocks und dieser Kassette allein meinen Weg vom Start zum Ziel - beides ist im Louis Braille Haus in der Hägelingasse - zu finden. Ganz neu ist diese Aufgabe ja nicht für mich. Schließlich habe ich schon während meines Mobilitätstrainings mit diesen Hilfsmitteln unbekannte Strecken erfolgreich bewältigt. Trotzdem: Es ist schon eine Herausforderung, nicht zu wissen, wohin es eigentlich geht. Den Weg zur arbeit oder zum Bahnhof, zum nächsten Geschäft und zu Freunden - das ist inzwischen Routine geworden; aber nach Anweisungen auf Kassette, quasi "ferngesteuert" unterwegs zu sein - das hat schon ein Bißchen mit Nervenkitzel zu tun und weckt die Abenteuerlust.

Aber jetzt läuft das Band, und es bleibt mir gar nichts anderes übrig, als dieser Stimme zu vertrauen, die mir sagt, wie ich den richtigen Weg finde und wie ich mich vergewissern kann, nicht auf "Abwege" zu geraten.

Zuerst geht es zur Linie 10, mit dieser nach Hietzing, wo bei der ersten Station einige Fragen zu beantworten sind. Das Ergebnis wird in die Liste eingetragen, und weiter geht's mit der Linie U4 bis Meidling. Jetzt folgt der wohl schwierigste Teil der Strecke: durch die Fußgängerzone in der Meidlinger hauptstraße, vorbei an Kleiderständern, Reklametafeln, Menschengruppen mit Kinderwagen und Hund - eigentlich erstaunlich, was einem so alles "im Weg herumsteht". Nur gut, daß ich es nicht eilig habe. Zur Auflockerung gibt es wieder einen Kontrollpunkt, an dem ich schon wieder Fragen beantworten muß. Fortsetzen darf ich dann meinen Weg in einer Seitenstraße. Herzlichen Dank, liebe Tonbandstimme; das ist doch gleich ein anderes Ausschreiten, und ich komme zügig voran.

Halt! Nicht gar so zügig! Hier muß ich wohl wieder abbiegen. Mal sehen, ob ich einen Passanten finde, der rasch einen Blick auf das Straßenschild wirft - denn: Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser.

Und schon bin ich an der nächsten Kontrollstation angelangt, beantworte die an mich gestellten Fragen (natürlich nicht alle richtig) und marschiere weiter Richtung Philadelphiabrücke, wo ich die Linie U6 nehme, am Westbahnhof aussteige und noch rasch bei der Informationsstelle der Verkehrsbetriebe etwas erfragen muß, was ich auch prompt beim nächsten Stützpunkt gebrauchen kann. "Wissen Sie schon, welcher Film in ORF 2 läuft", will der freundliche Mann der Wiener Linien wissen, woraus ich schließen kann, daß schon einige meiner Kollegen hier gewesen sind. (Den Titel des Films herauszufinden, ist nämlich auch eine der Aufgaben, die wir zu lösen haben.)

Vom Westbahnhof geht es dann mit der Linie U3 zur Endstation Johnstraße und von da mit der Linie 49 zurück ans Ziel: zum Louis Braille Haus.

Hungrig, durstig und mit mir und der Welt zufrieden genieße ich dann den Grillnachmittag mit Siegerehrung und gemütlichem Beisammensein. An allen Tischen werden Streckenabschnitte besprochen, lustige Erlebnisse erzählt - auch so mancher Tip und Trick, wie man schwierige Situation im Straßenverkehr meistern oder auch vermeiden kann, werden ausgetauscht. Denn eines ist klar: Im Grunde genommen geht es darum, jene Techniken, die man während des Mobilitätstrainings erworben hat, in die Praxis umzusetzen. Die Situation im Straßenverkehr stellt hohe Anforderungen an uns Blinde, und wir müssen sicher sein können, nicht eines Tages im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder zu kommen. Und was wäre eine bessere Voraussetzung als die Stärkung des Selbstvertrauens durch ein Erfolgserlebnis?

Wie viel Zeit die Vorbereitung einer solchen Veranstaltung in Anspruch nimmt, davon kann sicherlich der Organisator, Herr Walter Lindner, ein Lied singen. Ihm und den beiden Mobilitätstrainerinnen, Frau Ute Ettl und Frau marianne Kern, ein herzliches Dankeschön für die viele Mühe und die sorgfältige Planung und Durchführung dieser gelungenen Veranstaltung. Eine solche "Fernsteuerung" macht nicht nur großen Spaß, sie gibt einem auch das Gefühl, im Ernstfall den Anforderungen des Straßenverkehrs gewachsen zu sein.

Eva Papst

Danke für die Hilfe bei der Rallye

Die unfallfreie und reibungslose Abwicklung dieser Veranstaltung wäre ohne die tatkräftige Hilfe der 18 Streckenposten nicht möglich gewesen.

Ebenso trugen zum guten Gelingen folgende Firmen und Organisationen durch großzügige Spenden bei:

Audiodata Österreich (Wien),
Austrian Airlines (Wien),
Baum Elektronik (Wien),
CareTec (Wien),
Kappacher GesmbH (St. Johann im Pongau),
Köck, Filiale Keplerplatz (Wien),
M.cDonald's Austria (Schwechat),
Palmers (St. Johann im Pongau),
Musikhaus Rothauer (St. Johann im Pongau) sowie
Österr. Blindenverband, Landesgruppe Wien, NÖ und Bgld. und
Österr. Blindenverband, Zentralsekretariat.

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© by Eva Papst
Erstellt am Mi, 02.05.01, 08:01:19 Uhr.
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