Über das Lesen /

Über das Lesen

Als ich klein war, las mir meine Mutter jeden Abend zum Einschlafen Geschichten vor. Das mochte ich sehr gern. Was ich weniger mochte, war, dass ihre Geschichten immer viel zu kurz waren. Ich hätte stundenlang zuhören können.

Ich ging nicht besonders gern zur Schule, aber endlich selber Lesen und Schreiben können, war eins der spannendsten Dinge, die ich dort lernte. Ich brauchte um nichts länger wie meine sehbehinderten Schulkameraden um die Blindenschrift zu beherrschen.

Zum Lesen verwende ich beide Zeigefinger.

Bild vom Lesen in einem Braillebuch

Die Fingerspitzen waren bald sensibel genug, die kleinen Punkte voneinander zu unterscheiden und die Buchstaben zu erkennen. Natürlich hat man als Blinder nicht so den Überblick über einen Text. Man sieht immer nur die nächsten paar Worte. Das rasche Überfliegen eines Textes ist nicht möglich. Doch aber kann man einen Text, wenn man ihn laut vorliest, flüssig vortragen.

Leider gab es damals nur sehr wenige Bücher für mein Alter, und die hatte ich bald verschlungen. Mittlerweile gibt es eine größere Auswahl an Punktschrift-Literatur. Gerade aktuelle Bücher sind aber nachwievor meist nicht erhältlich.

In den sechziger Jahren wurde in Amerika ein Lesegerät entwickelt - es nennt sich Optacon - mit dem man alles lesen kann (auch Handschrift, wenn man es trainiert).

Bild eines Optacon

Man fährt mit einer Handkamera über das zu Lesende. Dadurch ist es im Unterschied zum Scannen, auch möglich, die Zubereitungshinweise auf Konservendosen zu lesen. Die andere Hand legt man auf das Gerät. Der Zeigefinger liegt in einer Mulde, in der kleine Stifte die Umrisse der Buchstaben auf dem Papier nachbilden.

Leider vibrieren diese Stifte, was den Nerv im Finger ziemlich reizt. Nach einer halben Stunde Lesen war er Anfangs die nächsten Tage sehr beleidigt und spürte nicht richtig. Außerdem gibt das Gerät ein summendes Geräusch von sich.

Bild vom Lesen mit dem Optacon

Anfangs ist es nicht leicht, die Kamera gerade über die Zeile zu führen und die Buchstaben zu erkennen. Aber ich konnte in die Buchhandlung gehen und mir das neueste Buch meines Lieblingsautors kaufen. Oder z.B. endlich eine Tageszeitung lesen, denn Zeitungen gibt es in Punktschrift nicht. Da war's mir völlig egal, dass das Lesen sehr mühsam war und mich anstrengte. Hauptsache, es klappte. Zu Beginn brauchte ich eine halbe Stunde für eine Taschenbuchseite. In meinen besten Zeiten schaffte ich sie in acht Minuten. Leider wird das Optacon nicht mehr erzeugt. Viele blinde Menschen erlernten den Umgang damit nicht, oder es war ihnen zu mühsam, so lange zu trainieren, bis sie eine halbwegs annehmbare Lesegeschwindigkeit erlangten.

Bild: Scannen eines dicken Buches

Dann bekam ich vor 10 Jahren meinen ersten Computer und einen Scanner. Damit ergaben sich ganz neue Möglichkeiten, denn mit dem Scanner konnte ich nun beinahe jedes Buch über die Sprachausgabe des Computers vorlesen lassen. Das war damels allerdings manchmal ein kleines Geduldsspiel, denn zum einen mu&Szlig; man beim Scannen selbst Hand anlegen und zum anderen waren damals die PCs auch noch recht langsam, so daß es eine geraume Zeit dauern konnte, bis ein Buch im Computer war und endlich vorgelesen werden konnte. Heute sind sowohl die Computer als auch die Software zum Scannen und Vorlesen wesentlich leistungsfähiger geworden. Durch die Entwicklung von Scannern steht uns Blinden fast alles an Gedrucktem offen. Ich hoffe aber doch, dass wir Sehgeschädigten irgendwann die Bücher direkt von den Verlagen als Computer-Datei beziehen können, um uns das Einscannen und Ausbessern zu ersparen.

Der Computer brachte aber nicht nur die Sprachausgabe, sondern auch die Braillezeile; ein Gerät, das gemeinsam mit einem speziellen Programm, dem Screenreader, den im Bildschirmspeicher enthaltenen Text auslesen und zeilenweise in Brailleschrift ausgeben kann. Damit können Blinde nicht nur lesen, sondern auch dem PC bedienen; wahlweise mit Hilfe der Sprachausgabe, der Braillezeile oder mit beidem. Seitdem ist das Lesen von Büchern nicht mehr so mühsam.
Nur mit Hilfe dieser Technik konnte ich schließlich diese Homepage für Sie gestalten.

Bild vom Lesen mit der Braillezeile

Durch das Internet habe ich jetzt auch die Möglichkeit, mich über Neuerscheinungen zu informieren, Klappentexte zu lesen und danach ein Buch, das mir interessant erscheint, zu kaufen. Früher brauchte ich immer Jemanden, der mich in die Buchhandlung begleitete und mir Inhaltsangaben vorlas.
Es fasziniert mich nachwievor, einfach in eine Buchhandlung zu gehen und ein Buch zu erstehen.

Außerdem gibt es Hörbücher, die sich auch bei sehenden Menschen großer Beliebtheit erfreuen. Auch ich finde es ganz angenehm, mir beim Bügeln oder Kochen vorlesen zu lassen. Anspruchsvolle Bücher lese ich allerdings lieber mit den Fingern.

Petra Raissakis

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© 2001 by Petra Raissakis, Graz
Erstellt am Do, 22.02.01, 08:01:19 Uhr.
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