Blinde arbeiten am Computerbildschirm /

Wo die Technik hilft
Blinde arbeiten am Computerbildschirm

Ein vielversprechender Anfang

Wir schreiben das Jahr 1978. Von einem Bekannten habe ich gehört, daß es jetzt ein "Textspeichersystem für Blinde" gibt, unter dem ich mir nichts vorstellen kann. Also sehe ich mir das Ding einmal an. Es handelt sich um einen etwas überdimensionierten Kassettenrekorder mit einer Reihe von Bedienungsknöpfen und einer Zusatztastatur mit sechs Tasten für die sechs Punkte der Blindenschrift. Auf der linken Seite ist das Kassettenfach, und oberhalb der Tastatur ist eine kleine Leiste, auf der der geschriebene Text in tastbaren Punkten aufscheint. Auf einer einzigen Kassette kann ich 200 Seiten abspeichern und jederzeit wieder lesen oder auch ausdrucken. Welch revolutionäre Erfindung! Jetzt muß ich nicht mehr so viele umfangreiche Bücher mit mir herumschleppen, wenn ich in die Maturaschule fahre.

Acht Jahre später

Ich sitze an meinem Arbeitsplatz und tippe in die Schreibmaschine. Zwischendurch lasse ich mich immer wieder von den diversen Telefonaten meiner Mitarbeiter ablenken. "Einen Moment bitte, ich sehe nach." Dann tippt meine Kollegin eifrig in ihre Tastatur und liest am Bildschirm die gewünschte Information ab, die sie über Telefon weitergibt. Beim nächsten Telefonat - jemand gibt seinen Urlaub bekannt - tippt sie die Daten direkt in den Großrechner ein; und wer nun auch immer das Datenblatt des Mitarbeiters aufruft, ob in Wien oder Innsbruck, kann die eingegebenen Daten sofort ablesen.

Ach, wie ist der Mensch doch unbescheiden und unzufrieden! Vor acht Jahren war ich tief beeindruckt über mein neues Textspeichergerät. Es hat mir eine neue Welt eröffnet. Und heute macht sich schon Unzufriedenheit breit. Ich fühle mich vom Arbeitsprozeß ausgeschlossen, weil ich nicht, wie meine Kollegen, "auskunftsfähig" bin. Aber schließlich hat mein Speichergerät ja eine Schnittstelle, an die der Drucker angeschlossen werden kann. Warum sollte man es nicht auch an den Großrechner anschließen können?

Und so beginne ich damit, Informationen über die Möglichkeiten eines Anschlusses an die Großrechenanlage einzuholen - und nach drei Wochen beim ersten Versuch tippe ich auf der Computertastatur meine eigene Personalnummer in den Rechner und versuche, auf meinem Speichergerät zu lesen, was der Rechner ausgibt. Tatsächlich: Mein Name, meine Adresse, meine Urlaubsdaten, Verrechnungsdaten ... Und wieder habe ich das Gefühl, eine neue Welt erobert zu haben. Plötzlich bin ich mit dabei, bin ich "auskunftsfähig" geworden, tippe ich, genau wie meine Kollegen, Daten in den Großrechner und Frage diese wieder ab. Und natürlich verrichte ich jetzt meine Schreibarbeiten nicht mehr mit der Schreibmaschine, sondern ebenfalls am Computer, wo das Korrigieren, Einfügen und Löschen viel einfacher ist.

Nach weiteren sechs Jahren - 1992

Mein Arbeitsbereich hat sich gewandelt. Ich schreibe kleinere Programme, mache Datenauswertungen, Planungsarbeiten und erstelle Konzepte ... Aber auch zu Hause steht inzwischen ein Computer, mit dem ich mir beispielsweise Bücher oder Schulungsunterlagen zur Weiterbildung zugänglich mache, meine Kochrezepte und Adressen verwalte - oder diesen Text schreibe.

Wir möchten das Erreichte festhalten

Welches Büro kommt heute noch ohne Computer aus? Ob Korrespondenz, Kundenkartei, Terminkalender, oder Buchhaltung - alles läuft über EDV. Ja selbst in unser Privatleben hat der Computer Einzug gehalten; CD-ROMs oder Internet finden ihre Anwender längst nicht mehr ausschließlich im kommerziellen Bereich. Auch blinde Menschen haben seit geraumer Zeit Zugang zur Welt der Daten; sie arbeiten mit Textverarbeitungsprogrammen, Datenbanken, an Großrechenanlagen und nutzen CD-ROM, Mailboxen oder Scanner.

Machen wir einen kleinen Ausflug hinter die Kulissen, in diesem Fall heißt das: hinter den Bildschirm ins Innere des Computers.

Jedes Zeichen, das Sie am Bildschirm sehen, ist einem Zahlenwert zugeordnet. Das A am Bildschirm kann nur wenige Millimeter oder einige Centimeter groß sein, es kann rot, grün oder blau dargestellt werden, in Blockschrift, Druckschrift oder Schreibschrift, gerade oder schräggestellt sein - es bleibt ein A, hat also, wie immer es auch aussehen mag, den einen fest definierten Zahlenwert. Das A bleibt also immer dasselbe, es wird nur in den unterschiedlichsten Formen und Farben dargestellt. Und nun hindert uns nichts mehr daran, dieses A nicht in Formen und Farben, sondern beispielsweise in einer Punktkombination darzustellen.

Die Blindenschrift, auch Punktschrift oder Brailleschrift (nach ihrem Erfinder) genannt, besteht aus einem Sechs-Punkte-System. Je nachdem, welche dieser sechs Punkte gesetzt sind, ergeben sich Buchstaben oder Satzzeichen. Mit sechs Punkten können insgesamt 64 verschiedene Zeichen dargestellt werden, was für unsere Schrift durchaus ausreichend ist. Mit diesen 64 Kombinationen lassen sich sogar Spezialschriften für Stenografie, Noten, Schach, Mathematik, Physik und Chemie darstelen. Schon die Stenografie wurde, um die Schreibgeschwindigkeit zu erhöhen, auf acht Punkte erweitert, und diese acht Punkte reichen auch aus, um die 256 möglichen Zeichen eines Computer-Zeichensatzes darzustellen.

Kehren wir nun zu unserem A zurück. Dieses läßt sich, wie gesagt, nicht nur in verschiedenen Formen und Farben, sondern auch als Punktkombination darstellen. Freilich hilft das alleine einem blinden Anwender wenig, denn er muß diese Punktkombination ja abtasten, um sie lesen zu können. Dazu dient ein sogenanntes Display, das die Funktion eines zweiten Bildschirms hat. Allerdings kann man auf diesem "Bildschirm" nichts sehen, sondern eben die Punktkombinationen für die verschiedenen Zeichen ertasten.

Eine andere Möglichkeit ist die Wiedergabe des Bildschirms mittels Sprache. Denn auch der gesprochene Buchstabe ist nur eine weitere und andere Form der Wiedergabe.

Und dennoch gibt es Grenzen

Seit es immer schnellere und leistungsfähigere Rechner gibt und immer mehr Privatnutzer in die Computerwelt eindringen, geht der Trend wegen der einfacheren Bedienbarkeit immer stärker in Richtung grafische Benutzeroberflächen. Unter der Devise "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" ersetzen z.B. abgebildete Aktenordner den Begriff "Datenbank", und ein Papierkorb veranschaulicht, wohin nicht benötigter Text "entsorgt" werden kann. Diese Systeme sind weitgehend selbsterklärend; man muß kein Spezialist sein, um sich einzuarbeiten.

Für blinde Computerbenutzer bringt diese Darstellungsform eine Reihe von Problemen mit sich, die sich schwer bis gar nicht lösen lassen. Während man Zeichen relativ problemlos in beliebigen Formen (also am Biledschirm, in tastbaren Punkten oder mittels Sprache) wiedergeben kann, ist dies bei Symbolen und Bildern schon viel schwieriger. Werden wir also bei Fortschreiten dieser Entwicklung das Erreichte wieder verlieren? Werden wir in nicht allzu ferner Zukunft wieder aus der Arbeitswelt ausgeschlossen sein? Werden wir blinde Computeranwender in zehn Jahren noch mit den am Markt befindlichen Computersystemen arbeiten können?

Diese Fragen sind wohl kein geeigneter Ausklang. Vielleicht sollte ich zum Beginn dieses Artikels zurückblicken, in das Jahr 1978. Hätte mir damals jemand prophezeit, daß ich im Jahr 1986 an einem Großrechner Eingaben machen oder gar im Jahr 1992 Programme für den Großrechner schreiben würde - ich hätte ihm nicht geglaubt. Ich hege doch die stille Hoffnung, daß es lediglich meine eingeschränkte Vorstellungsgabe ist, die meinen Blick in die Zukunft der Computerarbeitsplätze für Blinde trübt. Vielleicht sind all die Probleme doch lösbar. Diese Hoffnung ist durchaus berechtigt, wenn man rückblickend die Entwicklung seit Ende der Siebzigerjahre betrachtet.

Eva Papst

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© by Eva Papst
Erstellt am Mi, 13.06.01, 13:11:42 Uhr.
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