Ulrike Geilfus /

Ulrike Geilfus

1957 bin ich in Dresden geboren, im Weißen Hirsch, was keine Gaststätte, sondern eine nette Jugendstilklinik ist.
In Frankfurt am Main wurde ich groß, quälte mich durch die Schule bis zum Abitur (Kunst 1, Mathe 5- ) und lernte den Beruf der Bandagistin. Leibbinden nähen war meine große Leidenschaft. Einlagen eine einzige Folter.

1980 zog ich mit Mann und Kind Richtung Gießen.
Da sich die Missverständnisse im Alltag und auch bei der Arbeit häuften, ich oftmals mit Leuten sprach, die schon längst die Straßenseite gewechselt hatten und mich auch bei Farben immer öfter vertat, ging ich zum Augenarzt. Diagnose Retinitis Pigmentosa. Röhrenblick. Mein erster Impuls war Erleichterung, weil ich nicht blöd, sondern nur sehbehindert bin. Dann der Schrecken langsam zu erblinden. Mein Mann ging, die Arbeit war zu gefährlich, und so mußte ich mein Leben neu ordnen.

Nach einiger Zeit, die ich im Arbeitsamt im Informationszentrum zugebracht hatte, entschloß ich mich das zu tun, was ich schon immer hatte tun wollen und bewarb mich in einer Akademie für Kommunikation und Design. Unter 60 Bewerbern wurden 15 auserwählt und ich war dabei. Als ich mich im vollen Blindendress vorstellte, fing der Direktor an zu schwitzen, denn nun bekam seine Institution einen Hauch von Behindertenwerkstätte.
Nach 3 Semestern verabschiedete ich mich, denn ich hatte meinen kleinen Bereich der Illustrationen ausgebaut und war zufrieden. Dass ich Farben nicht mehr zuordnen kann, hat keiner gemerkt. Nun arbeite ich als freiberufliche Illustratorin für einige Verlage und habe meinen Spaß daran. Da ich nur noch ein Gesichtsfeld von 7 Grad habe, ist das sehr mühsam. An Farben und deren Mischung kann ich mich erinnern. Mein Aquarellkasten und die Stifte sind beschriftet. Comics liebe ich sehr. Sie sind klein, schwarz-weiß und schön überschaubar. Am liebsten nehme ich die Christenszene auf die Schippe, da kenn ich mich aus.

Um mir den Abschied von der Malerei leichter zu machen, habe ich angefangen zu schreiben. Auch mit Worten kann man malen, Bilder schaffen, die dann vor dem geistigen Auge und nicht auf Papier erscheinen.

Durch den Röhrenblick verliere ich den Überblick, gewinne aber an Durchblick, denn ich habe ein Auge fürs Detail und bin ungestört beim Sehen. Ich wage mehr als früher. Ich gehe Gleitschirmfliegen, setze mich in Doppeldecker, tummel mich auf Festivals ... als Haustiere habe ich Ratten. Wenn ich als alte Frau mal im Sessel sitze, kann ich breit grinsen und erzählen, dass ich es wenigstens mal probiert habe. Das Fliegen, das Schreiben, das Leben ...

Ulrike Geilfus


Veröffentlichte Texte auf anderssehen.at

Erstellt am Sa, 01.06.02, 18:01:19 Uhr.
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