Wie kaufen Blinde Kleidung /

Wie kaufen Blinde Kleidung ein?

Im besten Fall hat man Eltern, Geschwister, vielleicht sogar Kinder, oder Freunde zur Verfügung, die sich viel Zeit nehmen und auf die man sich, das ist äußerst wichtig, hundertprozentig verlassen kann. Ist das nicht der Fall, muß man sich allein auf den Weg machen und das Beste so zu sagen herausholen. Dazu ist folgendes anzumerken: Erstens gibt es ein Farberkennungsgerät, das hierzu und auch in vielen anderen Situationen gute Dienste leistet. Zweitens muß man sich Grundregeln erfragen oder in Gesprächen und Diskussionen erarbeiten, die einfach für diese Zwecke wichtig sind; etwa, welche Farben zusammenpassen, vielleicht durch Farbberatung, welche Farben für den Typ besonders geeignet sind, was gerade in ist, welche Textilien es gibt, und welche man zusammen kombinieren kann etc.

In Österreich, ich weiß es nur von Österreich, gibt es Modeschauen für Blinde, die sich folgendermaßen abspielen:
Am Anfang gibt es eine Erklärung über Modetrends. Weiters führen geeignete Models vom Verkaufspersonal oder aus dem Bekanntenkreis die neue Mode eines Geschäftes vor. Die Kunden/innen stehen im Halbkreis herum und die Models gehen von Person zu Person; jedes erzählt zuerst, was es trägt, wie es geschnitten ist, um welches Material, um welche Farben es sich handelt und auch der Preis ist nicht unwichtig. Die Teilnehmer/innen dürfen dann an Hand der lebenden "Puppen" die Kleidungsstücke betasten. Die Materialbeschaffenheit - wie es sich anfühlt, die Rock-Hosenbein-, Oberteillänge, wie lang die Ärmel sein sollen, Schulterweite - und -polster, Kragen und und und - alles darf tastend erfaßt werden. Es versteht sich von selbst, daß das Model, männlich oder weiblich, nicht greifscheu sein darf, sonst ist es fehl am Platz.

Nach der Modeschau haben die Teilnehmer/innen in den meisten Fällen auch Gelegenheit zum Einkauf, was gerne angenommen wird.

Wenn ich bei keiner Modenschau war, oder dort nichts kaufen wollte, mache ich mich dann allein auf den Weg, und das geht folgendermaßen vor sich:

Ich entschließe mich für ein Geschäft, von dem ich weiß, daß ich es erstens finde und zweitens, daß ich mich auf das Verkaufspersonal verlassen kann. In Selbstbedienungsläden ist es kaum möglich, da Personal Mangelware ist, und ich lange warten müßte bis mir Hilfe zuteil werden kann; zum anderen ist das Personal oft nicht fachlich geschult.

Ich gehe also ins Geschäft, suche mir eine Kassa, diese erkenne ich an den Klingelgeräuschen. Ich bitte dort um Hilfe und warte, bis eine Verkäuferin frei ist. Dann gebe ich meine Wünsche bekannt, die Kleidergröße, bevorzugte Farben, einen gewünschten Schnitt, für welchen Anlaß usw. Dann gibt es verschiedene Möglichkeiten. Entweder nimmt mich die Verkäuferin mit zu den Ständern, oder sie bittet mich zu warten und bringt mir allerhand Schönes und oder weniger Geeignetes herbei. Dann wird es vorerst einmal begutachtet, allerhand wird gefragt, und wenn im Grunde nichts auszuusetzen ist, geht's ans Probieren.

Ab diesem Zeitpunkt stellt sich heraus, wie gut das Verkaufspersonal wirklich ist. Trage ich ein Stück am Leib, trete ich aus der Kabine, die Verkäuferin begutachtet mich von allen Seiten, stellt fest, ob das Stück auch wirklich paßt, - ob es paßt, das fühle ich selber auch, aber ob es gut sitzt vom Optischen her, das muß sie feststellen. Sollte irgend etwas nicht ganz entsprechen, wird es schon wieder weggegeben und ein anderes probiert. Im besten Fall gefallen und sitzen mehrere Sachen. Dann kommt die Qual der Wahl, und wenn ich schon so nett und gut beraten wurde und ich auch genug Geld dabei habe, werden auch oft mehrere Ensembles gekauft. Vorher erfrage ich noch die Waschanleitung oder ob ich das gute Stück in die Reinigung geben muß.

Das I-Tüpferl meines Einkaufes geben dann die Angehörigen oder Kollegen/innen drauf. "Ist das aber schön! ... das paßt Ihnen-Dir gut... da haben Sie gut gekauft... da wurdest Du gut beraten wo waren Sie denn?".

Leider geht es nicht immer so hervorragend von statten. Wenn die Sachen nicht ganz passen, heißt es oft: "Ja das ist eh schön,... das kann man ändern... haben Sie jemanden der es enger näht... wir können es Ihnen ändern." Ein gutes Geschäft ändert Kleinigkeiten durch Fachpersonal; alles Andere soll unsereins bleiben lassen. Billig Einkaufen gehen ist eher nicht ratsam. Ich gebe etwas mehr Geld aus, bin gut angezogen und habe viel Freude mit den neuen Dressen. Wir Sehgeschädigten fallen ohnedies auf, leider auch negativ, durch die bei uns gebräuchliche "Blindenschleife", die gelbe Armbinde mit den drei schwarzen Punkten, so soll man wenigstens nett bekleidet sein, und was mir schon so oft aufgefallen ist, es wird einem öfter Hilfe zuteil, wenn man sich attraktiv herrichtet.

Anna Nussthaler

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© 2001 by Anna Nussthaler, Graz
Erstellt am Mo, 07.05.01, 08:01:19 Uhr.
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