Das Geheimnis meines Kleiderschranks /

Das Geheimnis meines Kleiderschranks

Wie man in einem vollen Kleiderschrank das für einen bestimmten Anlass richtige Ensemble findet, wenn man nicht sehen kann

Typisch Frau, aber nicht typisch blind

Ich stehe wieder einmal unschlüssig vor meinem Kleiderschrank. Der heutige Termin ist viel zu wichtig, als dass ich, meiner üblichen Gewohnheit frönen könnte, ein möglichst bequemes Kleidungsstück zu wählen, um mein Wohlbefinden zu garantieren.

Heute geht es nämlich nicht darum, wie ich mich fühle, sondern wie mich meine Gesprächspartner wahrnehmen. Ich muss überzeugen, Sicherheit und Souveränität ausstrahlen - und von der Wichtigkeit meines Anliegens überzeugen, ohne aufdringlich zu wirken. Ich habe mir also einiges vorgenommen.

Eigentlich sollte ich schon weg sein. Mein Mann streckt seinen Kopf zur Tür herein und zieht sich gleich wieder zurück. Er kennt das Szenario schließlich. Taktvoll, wie er nun einmal ist, enthält er sich angesichts meines Dilemmas jeden Kommentars. Auch seine Meinung, dass man Vorbereitungen am Vortag treffen sollte, behält er für sich. Er macht mich auch nicht darauf aufmerksam, dass mein Kleiderschrank gut gefüllt ist und es doch nicht so schwer sein kann, das Richtige zu finden.

Aber genau darin irrt er eben.

Die Qual der Wahl

Zuerst ziehe ich das schwarze Leinenkostüm heraus. Es ist modisch und nicht zu elegant. Mit einem kräftigen Farbtupfer, etwa einer gelben oder roten Bluse ...

Dann unterbreche ich meine Überlegungen, hänge das Kostüm zurück in den Schrank. Der Termin ist am Nachmittag und die Gefahr, dass ich bis dahin aussehe, als hätte ich in dem Kostüm geschlafen, viel zu groß. Auch wenn viele wissen, dass Leinen nun mal knittert - ich bin zu altmodisch um nicht zu befürchten, dass die Gesprächsrunde nicht die Ursache, sondern nur die Wirkung registrieren wird.

Danach suche ich nach dem Zweiteiler in gedeckten Farben, der sich besser eignen würde, aber ich kann ihn nicht finden. Kein Wunder, der ist ja im Waschkorb.

Auch den dunkelblauen Hosenanzug hänge ich nach einem kurzen Zögern wieder in den Schrank. Wie schon gesagt: Ich bin etwas altmodisch, wenn es um wichtige Besprechungen geht. Als einzige Frau in einer Männerrunde in Hosen zu erscheinen, macht mich unsicher, was die Signalwirkung anlangt. Schließlich ist das eine dienstliche Besprechung und kein Kaffeehausbesuch mit Freunden.

Etwas unruhig wegen der fortgeschrittenen Zeit grüble ich fieberhaft, bis mir von irgendwo die Lösung eingeflüstert wird: Natürlich, das neue, grau-melierte Kostüm; dass ich nicht gleich darauf gekommen bin! Feminin, aber nicht zu verspielt, modern, aber nicht ausgeflippt, schick, aber nicht zu edel, ist es genau die richtige Bekleidung für den bedeutenden Anlass.

Während ich noch nach dem passenden Oberteil suche, das ich gemeinsam mit dem Kostüm erworben habe, bringe ich energisch die leise Stimme der Vernunft zum Schweigen, die mir klar zu machen versucht, dass meine Wahl wohl dem Anlass, nicht jedoch dem Wetter gerecht werden dürfte. Es ist viel zu kühl für dieses Ensemble, aber es gibt eben verschiedene Arten von Vernunft: Diejenige, die der Gesundheit dient und diejenige, die dem Anlass gerecht werden muss.

Meine Merkhilfen

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wie ich die einzelnen Kleidungsstücke in meinem überfüllten Schrank identifizieren kann. Darauf gibt es mehrere Antworten.

Da ist einmal das Verkaufsgespräch. Ich lasse mir die Muster und Farbtöne so genau wie möglich beschreiben. Dabei kommt es schon vor, dass eine zweite Verkäuferin hinzugezogen werden muss, wenn es um Mischfarben geht. Einen Großteil der so erfragten Fakten kann ich mir merken. Notizen mache ich mir (noch) nicht.

Ein wichtiger Anhaltspunkt beim Wiedererkennen im Schrank sind auch Stoff und Schnitt. So erkenne ich manches an einer bestimmten Kragenform, einer eingelegten Falte, einem appplizierten und somit tastbaren Muster oder auch an besonders geformten Knöpfen.

Aber auch Stoffe sind ein wesentlicher Anhaltspunkt. Meist reicht es schon, nur den Stoff anzufassen, und schon wird die Assoziation zu Schnitt, Stil und Farbe ausgelöst.

Bei extrem ähnlichen Ensembles, was in der Damenbekleidung ja zum Glück selten ist, behelfe ich mir mit Accessoires wie beispielsweise dem dazu passenden Schal, der mir dann beim Erkennen hilft.

Eine echte Herausforderung

Bei Herrenbekleidung ist es oft schwieriger, weil es deutlich weniger Unterscheidungsmerkmale gibt. Da mein Mann unter einer Farbfehlsichtigkeit leidet und daher Probleme bei der Farbzusammenstellung hat, muss ich aber auch seine Garderobe "im Kopf" haben.

Da sind oft schon zusätzliche "Merkhilfen" nötig. So nehme ich etwa die Schere zu Hilfe - nicht, um Löcher in die Kleidung zu schneiden, sondern bloß unterschiedliche Muster in das eingenähte Etikett.

Auch eine "Hängeordnung" im Schrank hilft beim raschen Auffinden. Dazu ist allerdings etwas Disziplin erforderlich - eine nicht ganz leichte aufgabe, wenn man, so wie ich, von Natur aus eher schlampig ist. Darum stecke ich in die Innentasche eines Sakkos schon auch einmal einen Zettel mit entsprechenden Notizen. Die dazu passende Krawatte hängt natürlich dabei.

Modernere Methoden

Erwähnen möchte ich auch, dass es Etiketten in Blindenschrift gibt, die man einnähen könnte. Auch elektronische Klebestreifen gibt es bereits, mit deren Hilfe man sogar umfangreiche Audioaufzeichnungen bis hin zum letzten Reinigungstermin machen kann.

Ein extrem nützliches Hilfsmittel ist auch mein Farberkennungsgerät, das ich oft und gerne einsetze, wenn ich bei einem Kleidungsstück unsicher bin.

Aber das ist schon wieder ein eigenes Thema.

Eva Papst

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© 2007 by Eva Papst
Erstellt am Mo, 04.06.07, 07:49:28 Uhr.
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